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Full text of "Der St. Galler Folchart-Psalter: Eine Initialenstudie"

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DER SI.GALLER 
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EINE INITIALENSTUDIE 
VON FRANZ LANDSBERGER 


PRIVATDOZENT AN DER UNIVERSITÄT BRESLAU 


IM AUFTRAGE DES HISTORISCHEN VEREINS 
DES KANTONS ST. GALLEN 


ST. GALLEN 
VERLAG DER FEHR’SCHEN BUCHHANDLUNG 
1912 


DRUCK DER FARBIGEN TAFELN UND DES TEXTES: 
BUCHDRUCKEREI ZOLLIKOFER & CIE., ST. GALLEN. 


HERRN GEHEIMRAT 


HEINRICH WÖLFFLIN 


IN VEREHRUNG 
ZUGEEIGNET. 


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VORWORT. 


tation die tüchtige Arbeit Adolf Merton’s: «Die Buchmalerei des IX. Jahrhunderts in 

St. Gallen» (Halle 1911), welche eine ausführliche Beschreibung und Gruppierung der meisten 
karolingischen Handschriften St. Gallens gibt. Nahm mir diese Arbeit auch einige Handschriftenfunde 
und Resultate vorweg, so bot sie mir andererseits die Möglichkeit, den rein deskriptiven Teil meines 
Buches möglichst abzukürzen und so allen Nachdruck auf das zu legen, was mir als das Wichtigste 
erschien: die formale Analyse der einzelnen Initialenstile und ihre feste Verknüpfung zu einer Ent- 
wickelungsreihe. Denn hier in St. Gallen vollzieht sich in dem kleinen Zeitraum von etwa 50 Jahren 
eine Stilentwickelung von einer Reichhaltigkeit und zugleich Folgerichtigkeit, daß sie einen typischen 
Wert gewinnt für unsere Kenntnis von Stil-Entwickelung überhaupt und speziell für die Geschichte 
des frühen Mittelalters, das wir uns leicht stagnierend oder nur in größeren Zeitläufen beweglich 
vorstellen. 

An dieser Stelle habe ich auch noch meinen wärmsten Dank allen denen auszusprechen, die 
meiner Arbeit Hilfe geboten haben. Besonderen Dank schulde ich — außer den im Text genannten 
Herren — dem Präsidenten des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen, Herrn Dr. H. Wartınann, 
dem Bibliothekar der St. Galler Stiftsbibliothek, Herrn Dr. Adolf Fäh, sowie dem Bibliothekar der 
Vadiana, Herrn Professor Dr. J. Dierauer. In Zürich waren mir vor allem die Herren Professoren 
R. Rahn, P. Schweizer und J. Zemp sowie Herr Dr. ]. Werner behilflich. 


N icht lange vor dem Abschluß der Vorarbeiten zu dieser Schrift erschien als Hallenser Disser- 


Breslau, im Juli 1912. 
Dr. Franz Landsberger. 


Ill. 
. Die Beziehungen der St. Galler Initialen-Schule zu den anderen karolingischen Schulen 


. Die Litaneibögen des Folchart-Psalters . 


INHALT. 


. Der Folchart-Psalter. 


1. Der Folchart-Stil . 
2. Inhalt und Schmuck des Folchart- Psalters. 


Der Folchart-Psalter innerhalb der St. Galler Initialenschule, 

1. Die Vorstufen des Folchart-Psalters. — Die Wolfcoz-Gruppe 

2. Der Umkreis des Folchart-Psalters. — Die Folchart-Gruppe . 

3. Die Fortentwickelung des Folchart-Stils. — Die Sintram-Gruppe und das Psalterium. Ku 


Die absolute Chronologie der St. Galler Initialwerke . 


Verzeichnis der im Text erwähnten Handschriften 
Verzeichnis der Tafeln und Textabbildungen 


| Seite 


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des 51. Psalms. 


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Tafel 1. 


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I. DER FOLCHART-PSALTER. 


1. Der Folchart-Stil. 


er Folchart-Psalter, so genannt nach dem Verfertiger, einem St. Galler Mönche des IX. Jahr- 
hunderts, erhält seine hohe Bedeutung nicht von seinem Älter oder seinem Texte, sondern 
von der Pracht und Fülle seines künstlerischen Schmuckes. «In Rücksicht der Initialen: , 
lautet über ihn das Urteil Waagens, «ist dieses das reichste und prachtvollste Denkmal deutscher 
Kunst, welches ich kenne, und welches sich würdig jenen Bibeln Karls des Kahlen zur Seite stellt. : ') 

Versenkung in diese Kunst durch sorgfältige Analyse der Mittel, deren sich der Künstler bei 
seinem Werke bedient hat, und der Wirkungen, die auf den Beschauer ausgeübt werden: das sei meine 
erste Aufgabe. Dabei wird sich denn der besondere Stilwille, der hier herrschend war, offenbaren und 
damit ein fester Grund gelegt für alle späteren Untersuchungen, die den Psalter in den Strom zeitlicher 
Entwicklung und in das Netz örtlicher Beziehungen stellen werden. Ich gehe von einer einzigen Initiale 
aus, von einem der drei seitengroßen Buchstaben der Handschrift, dem D vom Beginn des 101. Psalms 
(Tafel Il). 

Nicht nur aus Gründen der Deutlichkeit lege ich meiner Untersuchung eine der großen Initialen 
zugrunde, sondern vor allem darum, weil in den Initial-Seiten die im Folchart- Psalter waltenden 
Tendenzen sich reiner aussprechen als in den kleineren Initialen. Denn während diese innerhalb des 
Schriftsatzes stehenden nur zu leicht in den fortschreitenden Verlauf des Lesens mit hineingezogen 
werden, gelingt es jenen, einen kleinen Textteil — hier ist es der erste Vers — von dem übrigen Texte 
entschieden abzusondern und das Auge in ruhigem Schauen festzuhalten. So lange man nicht umblättert 
— und die rahmende Bordüre hemmt das Verlangen — ist der progressive Charakter des Buches vergessen 
und die volle Konzentration auf die Existenz dieser einen Seite gerichtet. 

Erst bei solcher Isolierung aber kommt diese spezifische Initialenkunst ganz zur Geltung. Denn 
fern von aller improvisierenden, den Buchstaben nur spielend umziehenden Weise geht sie vielmehr auf 
festlich-repräsentative Wirkungen aus. Die groß gehaltene und strenge, aller Zufälligkeiten bare Zeichnung 
wird noch gehoben durch eine schwere, auf Gold und Purpur gestimmte Färbung, welche das ganze 
Schmuckfeld lückenlos bedeckt und die Initiale aus dem Bereich der Schreibkunst hinaus in die Nähe 
der Monumentalmalerei führt. | 

Dabei ist diese Bildmäßigkeit nirgends unter Vernachlässigung der Buchstabenzüge erzielt und 
deren klare Struktur von der Ornamentik vielmehr herausgearbeitet als verwischt worden. Ja die 
ganze Buchstabenform, im Verhältnis ihrer Höhe zur Breite und zur Stärke der Schriftzüge, ist in den 
‚natürlichen und so wohltuenden Maßen der klassischen Kapitale verblieben. Selbst die Teilung in dünne 
Aufstriche und dicke Abstriche und die Schwellung in den Biegungen ist aus dem Duktus der Schrift 
ın dıe Malerei übernommen worden. 

Aber noch in einem wesentlicheren Sinne ist der Charakter der Schrift beachtet worden: ihre zwei- 
dimensionale Ausdehnung hat stilgestaltend auf die Ornamentik gewirkt, die in völlig flächenhafter 
Bildung die Seite überzieht. Das Bandgeflecht mit seinen fortwährenden Überschneidungen könnte 
körperhaft wirken, wenn es auch nur die geringste Stärke hätte; ohne diese erweckt es so wenig eine 
Tiefenvorstellung, wie die auf der purpurnen Folie aufliegende Initiale, allgemein gesprochen wie das 


!) Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen, Stuttgart 1862, S. 5. Im Deutschen Kunstblatt 1850, S. 91, 
nennt Waagen den Psalter « unbedingt die schönste in Deutschland gemachte Handschrift ». 


Muster auf dem Grunde. Und schließlich hat die symmetrische Gestalt der Kapitale auch ihrer Ornamentik 
eine genaue Symmetrie mitgeteilt. 

Alle diese Kennzeichen dürfen durchaus nicht als etwas Selbstverständliches hingenommen werden; 
und im Verlaufe dieser Arbeit werden wir noch genug Beispiele kennen lernen, in denen sich die 
Schmuckformen der Initiale auf Kosten der Lesbarkeit, der natürlichen und symmetrischen Gestaltung 
und der Schriftfläche ausbreiten. So ist auch die Wirkung der hier geübten Formung durchaus keine 
allgemeine, sondern eine besondere, von anderen Initialstilen verschiedene. Der Beschauer genießt 
die Klarheit, mit der sich unter der Hülle des Schmucks der geschmückte Gegenstand ausspricht und 
empfindet zugleich den Schmuck als sinnvoll, ohne seiner Bedeutung lange nachhängen zu müssen. 

Dieser Eindruck sinnvoller Klarheit verstärkt sich bei der Betrachtung der einzelnen Schmuck- 
gestaltung. Die Initiale ruht innerhalb einer farbigen Bordüre auf einer dunklen Folie auf: die Prinzipien 
klassischer Ornamentik, Rahmen und Füllung, Grund und Muster deutlich voneinander abzuheben, 
können nicht besser befolgt werden. Die gleiche Artikulation kehrt in der Bordüre wieder und ein drittes 
Mal in den Buchstabenzügen. Diese Wiederholung streift schon ein wenig an das Rechnerisch-Nüchterne. 

In den Buchstabenzügen werden die rahmenden Teile durch kräftig-goldene, menniggerandete 
Riemen gebildet. Wie alles Riemenwerk setzen sie das Auge in eine gleitende Bewegung. Es war nun 
das Bestreben des Künstlers darauf gerichtet, diese Bewegung durch Ruhe zu kontrastieren. An zwei 
Stellen springt die Silhouette des Buchstabens aus und bildet hier einen geflochtenen Knoten. Es sind 
die zwei entscheidenden Punkte des Buchstabens dazu gewählt worden, die Schnittpunkte der Buch- 
stabengeraden mit der Buchstabenbiegung. So geben diese Knoten nicht nur Ruhepunkte ab, sondern 
sie verleihen dem ganzen Buchstaben eine einfache, kräftige Gliederung. Solche Betonungsornamente 
an Schnittpunkten, aber auch an Enden und Mitten der Buchstabenzüge gehören zu den wichtigsten 
Bestandteilen der Folchart-Initialen (vgl. Tafel I und Tafel IV, Nr. 3). An kleineren Initialen werden des 
öfteren die konturierenden Riemen an den Stellen, wo sie nahe aneinandertreten oder miteinander ver- 
schmelzen, durch kleine Ringe zusammengeschlossen, welche der gleichen Absicht dienen, dem flüssigen 
Riemenlaufe ein retartierendes Moment entgegenzusetzen (vgl. Tafel IV, Nr. 2). 

Auch der Raum zwischen den konturierenden Riemen wird ruhig gehalten. In unserem D ist er 
durch goldene Quersprossen in einzelne Felder geteilt worden, die durch alternierende grüne und blaue 
Färbung sich noch deutlicher voneinander isolieren. Auf diesen Folien liegt ein goldenes, einfach 
gezeichnetes Blattwerk auf. Der feine Kontrast der kalten grünen und blauen Töne zu den warmen 
goldenen Stegen erinnert an Zellenemail. 

Hat der konturierende Riemen seine Arbeit, die Buchstabenzüge zu begrenzen, erfüllt, so strömt er 
wie zum Spiele in die Buchstabenöffnung und bildet hier ein ausgedehntes Geflecht. Schon in den zwei 
großen Eckknoten der Buchstabenzüge treten Geflechte auf, aber während diese noch an der Kahlheit 
und Abstraktheit der konturierenden Riemen teilnehmen, treibt der Riemen der Buchstabenöffnung 
allerlei Blattwerk aus sich heraus, das ihn aus seiner Starrheit erlöst und ihm organisches Leben 
einhaucht. In den Buchstabenzügen war die Bewegung des Riemens zweideutig nach oben wie nach 
unten zu lesen; dem Riemen der Buchstabenöffnung ist diese Unbestimmtheit genommen; er ist nicht 
nur beweglich, sondern er wächst, und er wächst, wie die antike Ranke, die ihm zum Vorbilde gedient 
hat, entgegengesetzt zu der Abbiegung seiner Sprossen. 

Freilich, der Gegensatz des abstrakten Riemenlaufes zum organischen Rankengewinde hätte noch 
stärker betont werden können, wenn man sich dazu entschlossen hätte, die antike Ranke wirklich zu 
verwenden. Aber wie man ihre Abzweigungen zu sichelförmigen Dornen von schematischer Bildung 
verkümmern ließ, so hat man auch in allen übrigen Punkten ihrem eigentlichen Wesen zu Gunsten des 
Riemenwerks Abbruch getan. Zum Wesen der Ranke gehört es, daß uns ihre Bewegung als eine frei 
aus sich selbst rollende erscheint, während jedes Geflecht von auch nur einiger Kompliziertheit etwas 
von fremder Hand Gelegtes und also Uhnfreies besitzt. 

In die besondere Gestaltung dieses Geflechts ist dann wiederum etwas von dem harmonischen 
Wesen der Ranke hineingeflossen. Alles Labyrinthische ist vermieden; die Eingangsstellen sind durch 


2 


große Blätter dem Auge deutlich bezeichnet worden, und die Riemen fließen ohne Ecken und Spitzen 
in sanften, meist ovalen Kurven dahin, schließen sich zu lockeren Knoten zusammen, befreien sich 
wieder, gehen neue Verbindungen ein, alles ohne Hast und ohne durch allzu große Dichtigkeit dem Auge 
beschwerlich zu werden. Die mittleren Knoten legen sich zu einer horizontalen Achse zusammen, um 
die sich die anderen in einfachen Figuren symmetrisch lagern. Fünf Riemen bilden das Geflecht, und 
es ist nicht gerade schwierig, sie von einander abzulösen. 

Wenn man sich der Mühe unterzieht, den einzelnen Lauf dieser Riemen mit Zuhilfenahme der 
abbiegenden Blattdornen in seiner Fahrtrichtung zu verfolgen, so macht man dabei eine merkwürdige 
Entdeckung. Man beginne bei dem Riemen, welcher dem Vertikalbalken zunächst liegt, und fange von 
oben an. Zuerst fließt die Bewegung zur Mitte zu, aber kurz vor der Mitte stellt sich ein Doppeldorn 
der Fahrt entgegen und nötigt das Auge zu zentrifugaler Bewegung. Oenau so verhält es sich mit der 
anderen Hälfte des Riemens.. Nun prüfe man den benachbarten Riemen, dessen zwei Enden durch 
goldene Palmetten bezeichnet sind. Auch seine Bewegung ist eine vielfältige, aber im Gegensatz zu dem 
ersten Riemen ist er gerade in seinem äußeren Verlaufe zentrifugal und in seinem inneren zentripetal. 
Rechts von den zwei vierblätterigen Verdickungen dieses Riemens sind die gleichen Verdickungen des 
dritten und vierten Riemens angebracht, aber in umgekehrter Stellung. Hier läuft die Fahrtrichtung der 
des zweiten Riemens entgegengesetzt. Nicht nur der einzelne Riemen also wechselt seine Fahrtrichtung, 
sondern die Bewegung des einen Riemens changiert mit der des benachbarten, und so wird das Auge 
ın eine fortwährend auf- und abgleitende Bewegung gesetzt. Dem modernen Beschauer freilich, der ein 
solches Riemenwerk nur als ein Ganzes betrachtet, bleibt dieses Spiel kontrastierender Bewegungen 
nur noch nachzuerkennen, nicht eigentlich nachzuerleben; für das mittelalterlich-detaillierende Auge 
war es gewiß eine Quelle des Vergnügens. — Auch die antike Ranke schafft sich einen Ausgleich der 
Bewegungen, aber sie schafft ihn dadurch, daß ihre Abzweigungen der Bewegung der Stammranke 
entgegenlaufen; ein solch künstliches Sich-selbst-in-den-Weg-Laufen war ihr natürlich völlig fremd. 

Warum man hier zu dieser Bildung schritt, das kann nicht zweifelhaft sein: aus der gleichen Freude 
an der Kontrastierung, die wir in der ganzen Initialseite wirkend gefunden. Aber wie bereits die drei- 
malige Ausspielung des Gegensatzes von Rahmen und Füllung, Grund und Muster, ihrer Klarheit einen 
Zusatz von nüchterner Schärfe gab, so wird sie durch dieses kontrastierende Bewegungsspiel noch 
merklicher ins Tüftelnd-Mönchische gewandt, gerade noch schwach genug, um der Schönheit unserer 
Seite nicht ihren Duft zu rauben. 


2. Inhalt und Schmuck des Folchart-Psalters. 


Indem ich im folgenden die Analyse der einen Initialseite zu einer summarischen Beschreibung des 
gesamten Psalterschmucks komplettiere, schicke ich das Notwendigste über die Beschaffenheit und den 
Inhalt des Psalters voraus. 
Der Folchart-Psalter (St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 23), ein gallikanischer Psalter, ist von mittlerer 
Foliogröße (38:29 cm der Schriftseite) und von ebenmäßiger Stärke (184 Blatt). Das Pergament ist 
von vorzüglicher Beschaffenheit. Sein ursprünglicher, vielleicht kostbarer Einband wurde im XVl. Jahr- 
hundert durch einen einfachen aus Schweinsleder ersetzt. Unversehrt dagegen ist der Inhalt des Psalters 
geblieben, nur ist er im Laufe der Zeit um einige kleine Stücke vermehrt worden. Der heutige Bestand 
des Psalters ist folgender: 
Ss. 1— 6: Drei leere Blätter (spätere Zutat). 

7— 14: Die Allerheiligen-Litanei. 

15— 16: Leeres Blatt (spätere Zutat). 

17— 25: Ein später eingefügter Binio, der im XIl. Jahrhundert mit Gebeten beschrieben 
wurde. 


26: Incipitseite zur Vorrede des Hieronymus. 
27— 29: Vorrede des Hieronymus zu den Psalmen. 
30: Incipitseite zu den Psalmen. 
31— 336: Die 150 Psalmen und der aprokryphe Psalm. 
. 337—366: Zehn Cantica und Oebete. 
366: Notizen des X.—XlIll. Jahrhunderts. 
S. 367—368: Leeres Blatt (spätere Zutat). 
Zum Texte gehören schließlich die drei Distychen, die sich über die Seiten 26f, 134f und 236f 
hinziehen. Sie lauten: 
Seite 26f: Hunc pr&ceptoris Hartmoti iussa secutus 
Folchardus studuit rite patrare lıbrum. 
Seite 134f: Auferat hunc librum nullus hince omne per zvum 
Cum Gallo partem quisquis habere velit. 
Seite 236f: Istic perdurans liber hic consistat in vum 
Pr&mia patranti sint ut in arce poli. 
Die erste Inschrift, die uns den Auftraggeber und den Verfertiger der Handschrift nennt, wird uns 
bei der Frage der Datierung des Psalters noch beschäftigen. 


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Die Litanei weicht insofern von der üblichen Fassung ab, als nach dem Kyrie eleison usw. hier folgt: 
Sancte Pater Deus omnipotens miserere nobis. 
Sancte Filius Deus redemptor noster miserere nobis. 
Sancte Spiritus Sanctus Deus procedens miserere nobis. 
Sancta ineffabilis Trinitas miserere nobis. 
Qui es trinus et unus miserere nobis. 
Christe Jesu exaudi nos. 
Christe Jesu salva nos. 
Christe Jesu custodi nos. ') 

Unter den heiligen Mönchen der Litanei treten die St. Galler Spezialheiligen Columbanus, Gallus 
und Othmar auf. Othmar, der erste Abt von St. Gallen (720— 759), findet sich hier zum ersten Male 
in einer St. Galler Litanei; Magnus, der Schüler des heiligen Gallus, dem 898 die Magnuskirche erbaut 
wurde, fehlt noch.?) 

Die zehn Cantica sind die üblichen. Ihnen folgt: 

l. Der Hymnus Ambrosianus. 
2. Der kurze Hymnus: Te decet laus, te decet ymnus, tibi gloria deo patri et filio 
cum sancto spiritu in s@cula s&culorum amen.°) 
Die Fides concilii constantinopolitani. 
Das Paternoster. 
Das Symbolum Apostolicum. 
6. Die Fides Athanasii. 

Das : Gloria in excelsis deo - fehlt. Inhaltlich sind die verschiedenen Stücke unter dem Begriff 
des mönchischen Gebetbuches geeint. In der Reihenfolge ihrer Zusammenfügung haben künstlerische 
Gesichtspunkte gewaltet. Die Litanei, die in den früheren St. Galler Psaltern den Schluß bildete, ist 
hier an den Anfang gestellt worden. Zweispaltig mit goldener und silberner Unziale auf Purpurgrund 
geschrieben, wurde sie mit prächtigen Arkaturen umrahmt, deren Lünetten mit Figuren gefüllt sind. 


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I) Vgl. Swainson: The Nicene and Apostles Creeds, London 1875, S. 354 f. Von en Form sind Kodex 20, S. 358, und 
Kodex 27,5. 701 der St. Galler Stiftsbibliothek. 


?) In einem früheren St. Galler Werke, dem Psalter der Züricher Stadtbibliothek, C 12, findet er sich, ist aber dort zugleich 
mit Othmar nachträglich hinzugefügt worden. 


3) Chevalier: Rep. Hym. Nr. 20,075 und 33,872. Er steht auch im Wolfcoz-Psalter (Kodex 20 der Stiftsbibliothek) S. 356. 
Vgl. Swainson I. c. S. 362. 


4 


Die nähere Beschreibung dieses Litaneischmucks wird später erfolgen; hier genügt es, ihre Bedeutung 
für die Ökonomie des Psalterganzen festzustellen. Analog der Initiale, die den Anfang des einzelnen 
Psalms auszeichnet, wollte man mit ihr einen feierlichen Auftakt des ganzen Psalters herstellen und dem 
Verlauf des Betrachtens von vorneherein ein gemessenes Tempo vorschreiben, etwa wie das geschmückte 
Kirchenportal den Schritt des Eintretenden verlangsamt. 

Zu dem gleichen Zwecke hat die Vorrede des Hieronymus bedeutenden Schmuck erhalten. Obgleich 
sie nur drei Seiten beträgt, ist ihr eine eigene Incipitseite auf Purpur vorgelagert. Zur Rechten dieser 
Incipitseite beginnen die ersten Worte der Pra&fation mit einer seitengroßen P-Initiale (Psalterium 
Romz&...). Dieser Vorrede folgt nun eine neue Incipitseite mit großer I-Initiale, welche die Psalmen 
selbst einleitet. Nach dieser beginnt der 
Psaltertext mit der seitengroßen B-Initiale 
desersten Psalms. Auf die Rückseite dieses B 
— als könnte man den Eingang nicht feier- 
lich genug gestalten — ist noch der ganze 
erste Psalm mit goldener Unziale ge- 
schrieben worden; dann erst wird der 
Psaltertext in karolingischer Minuskelschrift, 
mit Ausnahme der Initialen, fortgeführt. 

Drei seitengroße Initialen hat der 
Psalmentext; sie schmücken nach irischer 
Weise den Beginn des 1., des 51. und des 
101. Psalms und teilen damit den Psalter 
in drei gleich große Abschnitte ein!) (vgl. 
Abb. 20, Tafel I und Tafel Il). Sie liegen 
sämtlich, wie auch die P-Initiale der Pr&- 
3 ® N fation, zur Rechten des Beschauers, als der 
ruhigeren Seite, und alle — dahin ist die 

1) N ®; F F F N 1) F RJ | Beschreibung der D-Initiale zu ergänzen — 
haben eine gleichfalls geschmückte Seite 
neben sich, welche in einfacherer Verzierung 
der Initialseite sekundiert (Abb. 1). Für 
den 51. und 101. Psalm wählte man dafür 
die Psalmenüberschriften, für den 1. Psalm 
| Zum - und die Vorrede des Hieronymus die schon 

Abb. 1.° Folchart-Psalter S. 236: Zierseite zum 101. Psalm. erwähnten Incipittexte. Die Schrift dieser 

Zierseiten kommt der antiken Monumental- 
schrift insofern näher, als man hier auf die Initiale verzichtet hat. Die einzige Ausnahme, die Incipit- 
Initiale zur Linken des ersten Psalms, fügt die große I-Initiale in die rahmende Bordüre ein. 

Hier steht alle Schönheit auf der Verwendung der Kapitale, die, in ein oder zwei Kolumnen 
geschrieben, in goldener oder in alternierender Gold- und Silberfärbung, durch eine vorzügliche 
Schriftverteilung eine edle Wirkung ausübt. In die Purpurfarbe des Grundes sind zuweilen einfache 
Figuren: Rosetten, Rauten und andere der Textilkunst entnommene Motive heller ausgewischt worden. ?) 
Die ranmenden Bordüren ähneln denen der Initialseiten. 

Die 148 übrigen Psalmen und das erste Canticum beginnen mit einer kleineren, durchschnittlich 
ein Sechstel bis ein Viertel des Satzspiegels einnehmenden Initiale. Der 11., 21., 31. usf. Psalm erfahren 


!) Vgl. Ad. Goldschmidt, Der Albani-Psalter, Berlin 1895, S. 3: « Von Irland aus ging diese Psalterteilung zu den Angel- 
sachsen über und wanderte dann mit den irischen Missionaren durch Belgien, die Gegenden zwischen Ardennen und Vogesen 
nach Oberdeutschland und in die Schweiz, bis über die Alpen zum Kloster Bobbio. » 

2) Das Rautenmuster der Zierseite zum 101. Psalm ist auf der Abbildung kaum zu erkennen. 


eine besondere Betonung durch gesteigerte Ausdehnung der Initiale und ihre Unterlegung mit einer 
purpurnen, grün gerandeten Folie. Die Dreiteilung ist damit zur Fünfzehnteilung erweitert worden. 
Ähnliche Purpurfolien, mit und ohne farbige Umrandung, erhalten noch der 6. bis 10. (vgl. Abb. 4), 
12. bis 16., 48., 57., 58., 64., 76., 77. und der apokryphe Psalm;') dazu das C des ersten Canticum 
(Confitebor tibi). Die übrigen Psalmen haben nur die Buchstabenöffnung farbig unterlegt. Noch 
kleinere Initialen, nur einige Zentimeter groß, schmücken die übrigen Cantica, die Gebete und die 
einzelnen Abschnitte des langen 118. Psalms. 


Alle diese Initialen haben eine deutlich von einander geschiedene Schmuckform. In praktischer 
Hinsicht bedeutete diese Verschiedenheit einen Vorzug, denn sie ermöglichte es, an jedes Initialbild einen 
bestimmten Psalm anzuschließen und erleichterte so die Auffindung eines gesuchten Psalms, die sich, 
mangels jedweder Numerierung, nicht ganz einfach gestaltet haben muß. Für den Künstler bedeutete 
sie eine fortwährende Anspannung seiner Phantasie. Er half sich damit, das kapitale und das unziale 
Alphabet miteinander abwechseln zu lassen, ein Brauch, der nicht nur im Folchart-Psalter geübt wurde. 
Dazu entnahm er der insularen Kunst die halbunziale &-Form; die 4 -Form dagegen wurde hier wie in 
der ganzen St. Galler Schule abgelehnt, wohl weil sie der &-Form zu ähnlich sah. An ihre Stelle trat 
die £-Form, die gewiß aus der halbunzialen & -Form entstanden ist und auch bereits in insularen Hand- 
schriften, sehr selten freilich, zu belegen ist.?) Genau nach dem gleichen Prinzip der Zuspitzung des 
Bogens nach links treten im Folchart-Psalter wie in der St. Galler Schule die Formen X und U auf, 
gleichfalls Zierformen der insularen Halbunziale und dort zuweilen anzutreffen.°) Nachahmend hat man 
dann auch die (M-Form zur {M-Form variiert; im Folchart-Psalter nur ein einziges Mal. Aber auch 
dann noch blieben genug Verschiedenheiten zu erfinden; ich erinnere nur, daß nicht weniger als 
45 Psalmen mit einem D beginnen. 


Die Variationen der Folchart-Initialen im einzelnen zu beschreiben, wäre natürlich zu weitläufig; 
nur die typischen Möglichkeiten seien kurz erwähnt. Zwischen den konturierenden Riemen konnte das 
Muster wechseln; man wählte dazu ruhiges Blattwerk oder das geradlinig gebrochene Flechtband, das 
in merowingischen Miniaturen wie in den Kleinkünsten der germanischen Völker bereits heimisch war. 
Seine bewegliche Form beruhigte man durch aufgelegte Dreiblätter (Tafel IV, Nr. 2). Die Verknotung der 
Konturbänder fand, wie schon erwähnt, an Enden, Mitten oder Schnittpunkten statt; freie Riemenenden 
betonte man gern durch ein Blatt oder einen Tierkopf im Profil, der durch Schnauze, Schnabel, Zunge 
und Ohren unterschiedlich gestaltet wurde (Tafel V, Nr. 2). Das Riemenwerk der Buchstabenöffnung 
bot natürlich die meisten Möglichkeiten zur Variierung. Zuweilen band man es zu einem akademisch 
gehaltenen, noblen Muster zusammen (Tafel IV, Nr. 1), zuweilen ließ man das Blattwerk über den 
Riemen triumphieren und schuf ein antikisierendes Rankengewinde (Tafel IV, Nr. 2). 


Die farbige Haltung, in den seitengroßen Initialen von ernster Pracht, nahm in den kleineren 
Zierbuchstaben mehr eine heiter blühende Buntheit an. Dazu trugen vor allem die Folien der Buch- 
stabenöffnung bei, die man hier häufig zwei- ja selbst dreifarbig unterlegte. Dabei ging man gleichfalls 
mit Ausnützung jeder Variationsmöglichkeit vor. Entweder man ließ die zwei Farben horizontal 
aneinander stoßen (Tafel V, Nr. 1) oder man hob das Flechtwerk durch eine besondere Folie von dem 
übrigen Grunde ab (Tafel IV, Nr. 1) oder man legte die zweite Farbe in Form eines Bandes, eines 
Kreuzes oder sonst einer einfachen Figur auf die erste auf, und nicht selten füllte man dann noch die 
Lücken des Flechtwerks mit einer dritten Farbe (Tafel Ill). Ja selbst das Flechtwerk wurde durch 
doppelte Färbung unterlegt, aber dann verzichtete man auf die Zweifarbigkeit der übrigen Folie; über 

!) Die Folie dieses Psalms ist ausnahmsweise blau. 

?) Im St. Galler irischen Evangeliar Nr. 51 (Chroust: Monumenta Palzographica, I. Serie, Lieferung XVII, Tafel V) und 
in der irischen Handschrift der Baseler Stadtbibliothek: Liber S. Isidori de natura rerum (F. Keller: Bilder und Schriftzüge in 
den irischen Mss. i. Schweizerischen Bibl.-Mitteilg. d. antiquar. Ges. in Zürich, Bd. 8, Tafel XIl, Nr. 6). 

3) Die 2 -Form im Angelsächs. Evangeliar in Durham, Cathedral Library Ms. A. Il. 16. (The New. Pal. Society pl. 54—56). 
Die U-Form im Petersburger Evangeliar aus St. Germain-des-Pres (Westwood, Fac-Similes pl. 25). 


6 


die Verwendung dreier Farben ging man hier nicht hinaus. Auch so vermied man nicht immer den 
Eindruck einer etwas bäuerischen Buntheit. 

In den besten Initialen freilich staunt man über den sicheren Geschmack, mit dem man die 
ungebrochenen goldenen, silbernen, mennigroten, purpurnen, grünen und blauen Töne, oft alle zusammen, 
zu prächtigen Harmonien vereint hat. Gold und Silber wurden den Riemen vorbehalten, um ihnen die 
fließende Glätte zu geben, deren Wirkung auf das Auge bereits besprochen wurde. Außerdem wurden 
sie zur Färbung des Blattwerks verwandt, als fürchtete man, ihm durch eine natürlichere Kolorierung 
etwas von seiner Strenge zu rauben. Schließlich dienten sie zu Zwecken der Foliierung, aber nur in 
kleineren Partien; größere Folien legte man gern mit Purpur an, dem man seiner Schwere gemäß eine 
breite Auftragsfläche sicherte. In den zweifarbigen Folien, in denen die Farben übereinander lagern, wird 
man das Purpur stets an der unteren Stelle finden, damit er die zweite Farbe gleichsam trage (TafelV, Nr. 1). 

Dieser ganze Reichtum an Möglichkeiten hat dem Künstler nicht gleich am Anfang zu Gebote 
gestanden, und beim Durchblättern des Psalters sieht man förmlich, wie ihm während der Arbeit neue 
Ideen kommen. Dabei ist es denn nur verständlich, daß eine neue Variante so gut gefällt, daß sie 
mehrere Male hintereinander auftritt, um dann selten zu werden oder ganz zu verschwinden. So haben 
bald am Anfang 11 Initialen größere Purpurfolien (Psalm 6 bis 16); dann treten diese, mit Ausnahme 
der Psalmen der Fünfzehnteilung, nur noch vereinzelt auf. Ein anderes Mal haben 8 Initialen silberne 
Konturriemen und gar kein Blau (S. 261—272). 

Zuweilen versucht man eine neue Form, aber sie verschwindet sofort, weil sie nicht gefällt. Das 
seitengroße B des 1. Psalms hat eine silberne Folie; sie wirkt zu schwer und macht späterhin dem 
Purpur Platz. Im A des 27. Psalms (Tafel IV, Nr. 2) wird das erste Mal der Versuch gemacht, die Folie 
der Buchstabenöffnung in zwei aneinanderstoßenden Farbenflächen zu halten. Man lehnt die beiden 
Farben senkrecht aneinander; das muß nicht befriedigt haben, denn in allen späteren Fällen ist die 
Begrenzung horizontal. 

Bei der jahrelangen Arbeit, die man einem so reich geschmückten Werke zubilligen muß, ist es 
nicht verwunderlich, daß selbst Wandlungen des Stilcharakters eintreten, ohne daß man darum einen 
neuen Künstler anzunehmen braucht. Auf die im letzten Drittel des Folchart- Psalters erscheinenden 
Neubildungen werde ich noch zu sprechen kommen, wenn ich die Fortentwicklung des Folchart- Stils 
innerhalb der St. Galler Initialenschule weiter hinten behandeln werde. 

Die Technik ist die von Rahn in seiner Ausgabe des Goldenen Psalters (S. 45) beschriebene. Zuerst 
. wird die Vorzeichnung mit farblosem Stifte in das Pergament geritzt, dann erfolgt die Bemalung mit 
deckender Farbe, und schließlich werden alle Ornamente mit Mennig konturier. Gold und Silber 
werden durch Polieren glänzend gemacht. 

Auch die Psalter-Schrift sucht ästhetischen Ansprüchen zu genügen. Der Satzspiegel ist in zwei 
Spalten geteilt, die deutlich voneinander gesondert sind. Im Vergleich zu der Höhe des Bandes 
ist die Anzahl der Zeilen (21) gering, der Abstand beträchtlich. Jeder Psalmenvers ist durch eine 
abwechselnd goldene und silberne Majuskel betont, die aus der Kolumne hervorragt. Die Schriftzüge, 
urteilt Chroust, sind «von außerordentlicher Regelmäßigkeit. Alle Buchstaben sind mehr breit als hoch, 
alle Rundungen sorgfältig ausgeführt, die Verstärkungen am Ende der Oberlängen sehr mäßig; wo die 
Schäfte geradlinig verlaufen, sind sie sauber abgeschrägt ». | 

So ist bis ins Kleinste Sorgfalt verwandt worden, rite patrare librum, wie es die Widmung bescheiden 
ausdrückt. Hier ist ein Prachtwerk der Initialenkunst nicht nur erstrebt, sondern auch erzielt worden. ') 


!) An Abbildungen aus dem Folchart-Psalter wurden mir bekannt: | 

R. Rahn: Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz. Zürich 1876, S. 133: Die erste Halbfigur aus den Lünetten der 
Litaneibögen (S. 7). 

 Ebenda: S. 134: Die seitengroße Q-Initiale des 51. Psalms. 

Diese Q-Initiale noch einmal bei A. Kuhn: Allgemeine Kunstgeschichte, Bd. 3, 1909, Figur 193. - 

Rahn: Das Psalterium Aureum von St. Gallen. St. Gallen 1878, S. 24: Die S-Initiale des 11. Psalms (S. 49). 
R. Stettiner im Tafelband zu den illustrierten Prudentius-Handschriften. Berlin, 1905, Tafel 165: Die zwei Lünetten der 
Litaneibögen von S. 9 (David und die Schreiber). 


Wenn sich die germanischen Völker der Initiale mit einem besonderen Eifer zugewandt und ihr 
bisweilen eine Pracht und Größe verliehen haben, die ihr weder in der italienischen noch in der 
byzantinischen Kunst zu teil ward, so darf man daraus die Folgerung ziehen, daß sie dem germanischen 
Geschmacke in vorzüglicher Weise entgegenkam. Am nächsten liegt es, hier an die vorwiegend 
ornamentale Begabung des jungen Kunstvolkes zu erinnern, die in der Initiale einen willkommenen 
Tummelplatz zur Ausbreitung ihrer Schmuckformen finden mußte. Auch die germanische Neigung zur 
Variation läßt sich geltend machen, die bei der Schmückung so vieler gleicher Buchstaben in einem 
einzigen Werke einen bedeutenden Ansporn zu ihrer Entfaltung erhielt, etwa wie die gleiche Funktion 
der Säule in der germanischen Baukunst des Mittelalters zu immer neuen Bildungen reizte.') 

Aber ich glaube, noch in einem wesentlicheren, mehr den Begriff der Initiale berührenden Sinne 
zog diese Form künstlerischer Betätigung den germanischen Geist an. Man stelle sich vor, daß der 
germanische Initialenkünstler seinen Reichtum an Formen und Farben ausschüttet — über tote Buch- 
staben, die doch an sich völlig bedeutungslos, nur als Zeichen für geistige Werte Geltung besitzen, und 
man wird eine Schätzung geistiger Werte von solcher Stärke, daß selbst ihre konventionellen Träger 
davon geadelt werden, als ein beredtes Zeugnis des germanischen Idealismus ansprechen. 

Sodann vergegenwärtige man sich die Schmuckschrift der Antike, deren Schönheit in der regel- 
mäßigen Aufreihung ungefähr gleich großer Teile liegt, den Säulen des antiken Tempels vergleichbar, und 
halte dagegen eine Initialseite germanischer Provenienz, in denen ein oder einige wenige Buchstaben 
durch gesteigerte Pracht und Größe über den Kreis ihrer Genossen hoch emporragen, etwa wie der 
Turm einer gotischen Kathedrale über alle anderen Bauglieder, um sich der ganzen Schärfe dieser 
Akzentuierung bewußt zu werden. Mit Absicht habe ich für die germanische Initialenkunst an das 
Wesen der Gotik erinnert; in dieser Architektur, in der germanisches Wesen zu schlagendem Ausdruck 
kommt, werden ja gleichfalls kräftige Akzente verwandt, deren stärkster der Turm ist. Und wenn man die 
früheste Kunstübung heranzieht, in der germanische Phantasie ihre Eigenart entwickelt hat, die alt- 
germanische Tierornamentik, so begegnet man hier der gleichen Methode, durch Akzente zu wirken. 

Erst jüngst hat Schmarsow auf diese Kompositionsweise in der germanischen Tierornamentik 
hingewiesen und sie mit der Alliteration verglichen. . Es ist beiderseits ein akzentuierendes Verfahren. 
Und wie beim einzelnen Worte als Träger der Alliteration doch nur der Anfangsbuchstabe, ein Vokal 
oder Konsonant, oder ein zusammenhängender Komplex von solchen entscheidend ist, der übrige 
Lautbestand des Wortes aber wandelbar bleibt, so überwiegt auch im tierischen Gebilde der germanischen 
Zierkunst in diesem Stadium noch der Kopf alle anderen Glieder oder bildet doch die Reihenfolge der 
Extremitäten mit ihrem Gelenkansatz den Leitfaden — oder richtiger die Kugeln am Rosenkranze, nach 
dessen Tonstellen das Ganze hergebetet wird. ?) Man könnte in ähnlichem Sinne auch die Initiale mit 
der Alliteration vergleichen. 

Da wo die Initiale das erste Mal in ihrer spezifisch germanischen, durch besondere Größe und 
Prachtentfaltung bezeichneten Ausprägung auftritt, in den insularen Manuskripten etwa seit Beginn des 


Die seitengroße B-Initiale des 1. Psalms haben Ad. Fäh: Geschichte der bildenden Künste. Freiburg i. B., 1903, Bild 291: 
St. Beissel: Geschichte der Evangelienbücher in der 1. Hälfte des Mittelalters. Freiburg i. B., 1906, Bild 66; Hans Lehmann: Die 
gute alte Zeit. Neuenburg o. J. (1905). Einschaltblatt zu S. 142. — Fäh und Beissel unterschreiben ihre Abbildungen irrtümlich 
mit Psalterium Aureum. — Bei Lehmann |. c. S. 115 außerdem die Lünette mit den Psalmenschreibern. 

Chroust: Monumenta Palzographica, 1. Serie, Lieferung XIV, Tafel 9: S. 12 der Litaneibögen. Tafel 10: S. 162 (Schriftseite). 

Ad. Merton: Die Buchmalerei des IX. Jahrhunderts in St.Gallen. Hallenser Dissertation 1911, Tafel IH, Nr. 5: Die D-Initiale 
des 101. Psalms. 

Farbige Kopien der Lünetten von S. 9 und 12 von der Hand F. Kellers werden in den Zeichnungsbüchern der Antiquarischen 
Gesellschaft in Zürich (Landesmuseum, M. Ill, 3) aufbewahrt. 

') Es ist bezeichnend, daß in griechischen Initial- Handschriften die Abwechselung weit geringer ist, manche Initialen 
sich zum Verwechseln ähnlich sehen, andere sogar einander gleichen. So sind z. B. im Evangelistar des Prinzen von Radziwill 
(München, Hofbibliothek, Grzc. 329), Bd. 1, die € von fol. 33b und 38a und die T von fol. 10b und 46a identisch. Identische 
Initialen fand ich ferner im Kodex Grzc. 383 ebenda oder in dem phototypisch herausgegebenen Menologium des Basilios II 
(Rom, Kod. Vat. Gr&c. 16513). In germanischen Initialwerken wird man dergleichen vergebens suchen. 

*) Entwicklungsphasen der germanischen Tierornamentik. Jahrb. d. Kgl. Preuß. Kunstsammlungen. 32. Band, 1911, S. 1 14. 


des 101. Psalms. 


inn 


Beg 


we 
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— 
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DO, 
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= 
I 
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= 
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IL. 


Tafel II. 


VII. Jahrhunderts, da führt ihre Ornamentik auch eine durchaus germanische Sprache, die Sprache der 
altgermanischen Tierornamentik.‘) Hier kommt es zu jenen gleichsam wimmelnden Initialseiten, in 
denen die natürliche Gestalt, ja die Lesbarkeit des Buchstabens vergewaltigt wird von dieser alles 
überziehenden abstrakt-linearen Phantastik. 

An diese Werke knüpft die karolingische Initialenkunst an — weit stärker als an die heimischen 
Erzeugnisse der Merowingerzeit — in der bis zur Initialseite geführten Größe, in Prachtentfaltung, 
Bordüren, in der reichhaltigen Verwendung des Riemenwerks und der Tierköpfe und selbst in einzelnen 
Buchstabenformen. Aber wenn man ein reifes Werk der karolingischen Initialenkunst, etwa unseren 
Folchart-Psalter, an diese Vorbilder hält, so erkennt man zugleich seine ganze Verschiedenheit von ihnen, 
welche sich vornehmlich in jener Klarheit, Ruhe und organischen Belebung ausspricht, die wir bei der 
Analyse des D besprochen haben. Diese Eigenschaften haben uns zugleich deutlich das Vorbild 
gewiesen, das den Antrieb zu solcher Läuterung gab: es ist die Antike, an welche die karolingische Zeit 
— die karolingische Renaissance — bewußt den innigsten Anschluß gesucht hat. 

In der figürlichen Kunst, in der das eigene Vermögen gering war, hatte die ungestüme Befragung 
der Antike nicht selten schwächliches Epigonenwerk zur Folge; in der Initialornamentik dagegen, deren 
Sprache bereits seit Jahrhunderten eine originelle Ausdrucksform gefunden hatte, kam es anstatt zu 
Nachahmungen vielmehr zu einer Durchdringung des eigenen Gutes mit antikem Geiste. 

Diese Durchdringung hatte darum auch nichts von der Spontaneität, mit der auf dem Gebiete der 
figürlichen Miniatur hier und da antikisierende Werke entstanden, sondern sie war das Resultat einer 
allmählichen Entwickelung. Wie sich dieser Prozeß in St. Gallen vollzog, das wird das nachfolgende, der 
Entwickelung der St. Galler Initialornamentik gewidmete Kapitel zu zeigen haben. 


ı) B. Salin: Die altgermanische Tierornamentik. Stockholm und Berlin, 1904, S. 322 ff. 


ll. DER FOLCHART-PSALTER INNERHALB 
DER ST. GALLER INITIALENSCHULE. 


1. Die Vorstufen des Folchart-Psalters. 


Die Wolfcoz- Gruppe. 


ie Entwickelung der St. Galler Initial-Ornamentik verfolge ich von dem Stadium an, da die 
Schule den kontinentalen Stil der Merowingerzeit verläßt und in den Kreis karolingischer 
Kunstübung eintritt. Wie auf dem übrigen Festlande, so wird auch hier dieser Eintritt durch 
ein starkes Anwachsen der Initialengröße, durch eine prächtige, vor allem mit Gold und Silber bestrittene 
Färbung und durch die konsequente Anwendung des gold- und silbergeführten Riemenwerks, haupt- 
sächlich zu Zwecken der Konturierung, bezeichnet. Handschriften, die noch keines dieser Merkmale 
tragen, mögen sie gleich der Zeit nach bereits karolingisch sein wie der von Merton beschriebene 
Psalter der Züricher Stadtbibliothek C 12!) oder der ihm nahe verwandte, von Merton vergessene Psalter 
der Züricher Kantonsbibliothek Nr. 34 (aus Rheinau) erfahren hier noch keine Berücksichtigung. Es 
kommen sodann als Vorstufen des Folchart-Psalters folgende Handschriften in Betracht, die ich in der 
Reihenfolge ihrer mutmaßlichen Entstehung mit Nennung der vorhandenen Abbildungen anordne. 
1. St. Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 20. Psalterium (Wolfcoz-Psalter). 
Rahn, Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz, S. 131: Abbildung zweier d-Initialen 
von S. 43 und S. 96. — Merton |. c., Tafel I, Nr. 1: Q-Initiale des zweiten Psalms. 
2. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 367. Evangelistar. 
Merton I. c., Tafel I, Nr. 2: d-Initiale von S. 104. 
3. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 27. Psalterium. 
4. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 81. Proverbia. Ecclesiastes. Canticum Cant. Sapientia. 
Jesus Sirach. Job. Tobias. 
Rahn, Psalt. Aureum, S. 2: das d von S. 92; S.13: das V von S. 362. — Chroust: Mon. Pal., 
1. Serie, Lieferung XV, Tafel I: das P von S. 8. 
5. St. Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 83. Epistole Pauli. Actus Apostolorum. Epistol& 
catholicz. Apocalypsis. 
Rahn, Psalt. Aureum, S. 12: das (NM von S. 198. — 5.4: das P. von $S. 128. — Das P noch 
einmal bei Merton I. c., Tafel Il, Nr. 4 (unter der Phototypie irrtümlich als aus Kodex 81 
notiert). 
6. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 79. Paralipomena. Judith. Esther. Esra. Libri Macca- 
bzorum. 
7. St. Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 77. Pentateuchus. Liber Josu&. Liber Judicum. Liber Ruth. 
8. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 82. Jesaias. Jeremias. Ezechiel. XII prophetz. Daniel. 
Rahn, Psalt. Aureum, S. 1: das V von S. 121 (im Verzeichnis irrtümlich als aus Kodex 81 
notiert). — S.3: das U von $.8. — 5.11: das A von $. 503. — S.13: das I von S. 475. 
— $. 14: das € von S. 271. 


!) Die Buchmalerei des IX. Jahrhunderts in St. Gallen, Hallenser Dissertation. 1911, S. 1 ff. 


10 


Für die nähere Beschreibung dieser Handschriften, in 
etwas anderer Reihenfolge, weise ich auf Merton hin.') 

Die Kodices Nr. 20 und 367 sind in Schrift und 
Ausstattung von der gleichen Hand. Die Nr. 83, 79, 77, 
82 und wohl auch 81 sind Teile einer Bibel?) und unter- 
einander eng verwandt. Der Kodex 27 nimmt eine ver- 
mittelnde Stellung zwischen den ersten beiden Werken und 
den Bibelhandschriften ein. Aus Gründen der besseren Über- 
sicht und rascheren Benennung teile ich mein Material ın 
Gruppen ein, wobei jedoch im Auge zu behalten ist, daß 
speziell in St. Gallen die Entwickelung der karolingischen 
Initial-Ornamentik lückenlos kontinuierlich verläuft. Ich 
wähle für unsere Handschriften die Bezeichnung: Wolfcoz- 
Gruppe nach einem Wolfcoz, der sich in Kodex 20, S. 327, 
mit einigen Widmungsversen nennt. °) 

Von den oben erwähnten Merkmalen karolingischer 
Kunst nimmt die St. Galler Schule gesteigerte Größe und 
Riemenwerk früher an, als die farbige Pracht. In dem ersten 
Werke unserer Gruppe, dem sog. Wolfcoz-Psalter, der noch 
merowingische und karolingische Initialen nebeneinander Abb. 2. 
führt, Keibt das rot gezeichnete Riemenwerk olıne Kolo- St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 367: Evangelistar, S. 98. 
rierung oder es nimmt nur die hellen oder schmutzigen Aquarellfarben der St. Galler Merowinger-Kunst 
an.*) Erst der Kodex 367 entledigt sich der Merowinger-Initialen und ersetzt die matte Färbung durch 
den einfachen, aber kräftigen Akkord silberner, goldener und mennigroter Töne. Das merowingische 
Kunstgut ist darum nicht geschwunden, sondern lebt in zoomorphen Bildungen (Abb. 2), augenähnlichen 
Tröpfchen, abstrakten Blattkettungen usw. zähe fort. 

Über den farbigen Dreiklang geht man vorläufig nicht hinaus.°) Erst die Bibelhandschrift Nr. 82 
bereichert die Palette um grüne, blaue und gelbe Farben. Aber diese Farben haben nun nicht mehr die 


1) 1. c., S. 55 bis 29. Merton hat das Material um einige meist nicht bedeutende Handschriften vermehrt, deren persönliche 
Nachprüfung ich mir ersparen zu können glaubte, da sie, nach der ausführlichen Beschreibung Mertons, das Bild, welches die 
vorliegenden Manuskripte darbieten, nicht verändern, die aufgestellte Entwickelungslinie nur bestätigen. Wichtig ist, daß Merton 
das Wiener Sacramentar (Hofbibliothek Lat. 1815), das infolge seiner nekrologischen Eintragungen für Reichenauisch galt, als 
ursprünglich St. Gallisch erkannt hat. Nach den veröffentlichten Abbildungen bei Chroust Mon. Pal., 1. Serie, Lieferung XIX, 
Tafel Il, und Merton |. c., Tafel II, Nr. 3 — einige weitere verdanke ich der Freundlichkeit Swarzenski’s — ist die Ähnlichkeit 
mit dem St. Galler Kodex 367 evident. Ich bilde zur Bekräftigung das aus zwei Fischen gebildete d des Kodex 367, S. 98 ab 
(Abb. 2), das man mit dem bei Merton aus dem Wiener-Kodex reproduzierten vergleichen möge: sie sind fast identisch. 
Dagegen kann ich mich der Verlegung des Göttweiger Psalters nach St. Gallen nicht anschließen (Merton, S. 29ff.). Die mir 
bekannt gewordenen Abbildungen in der Österreichischen Kunsttopographie, Bd. 1, Wien 1907, Figur 385 und Tafel 28 — 
weitere lieh mir Swarzenski — zeigen, daß der Initialenstil der St. Galler Schule verwandt, aber durch gewisse Eigentümlich- 
keiten, besonders in der Tierornamentik, von ihr verschieden ist. Die Betonung des 12., 22. usw. Psalnıs ist in St. Gallen 
nirgends zu belegen. Swarzenski vermißt in der Litanei den « in St.Gallen niemals fehlenden Othmar » (Repertor XXVI, S. 406); 
das ist kein Merkmal gegen St.Gallen, da Othmar vor dem Folchart-Psalter in keiner St. Galler Litanei erscheint. Wohl aber weist 
die von Swarzenski erkannte Betonung speziell Reichenauer Heiliger (Valens, Senesius, Theopontus) von St. Gallen fort — dort 
finden sie sich in keiner Litanei — nach der Reichenau zu. Stilkritisch ist die Zugehörigkeit zur Reichenau mangels gesicherten 
Vergleichsmaterials vorläufig nicht zu erweisen. 


2) Berger: Histoire de la Vulgate, S. 126 ff. und S. 417. 
3) Über diesen Wolfcoz vergleiche das Ill. Kapitel. 
4) Einzige Ausnahme das N von S. 126 (61. Psalm), das bereits Gold und Silber trägt. 


5) Nur im Kodex 367 hat bereits die Doppel-Initiale IN S. 199 als vierte Farbe ein kaltes Blau. Hier zeigt auch die 
Verwendung der dornenförmigen Blattriebe das Neue an. Gleichwohl sehe ich in diesen Zutaten keine spätere Überarbeitung 
der Initiale (so Merton, S. 13 ff.), sondern glaube vielmehr, daß der Künstler — wie im Kodex 20 — zeigen wollte, daß er das 
während seiner Arbeit Neuauftretende bereits beherrscht. 


11 


verwaschene Tönung der Merowinger-Kunst: 
stark und leuchtend treten sie auf, den schweren 
ET uEeY1Tcetco:: . » Metallen stand zu halten.') 

Noch ehe man zu dem farbigen Reichtum 


| Ä = CHI des Kodex 82 schritt, begann sich eine Wand- 
Sa er“ ’ lung in der Anordnung der Farben zu vollziehen. 


Im Kodex 367 dient die Farbe nur zur Kolorierung 


74) ‚ver. “w 
d " ei, - 


\_\ ' der Zeichnung, und durch alle Zwischenräume 
x In ae L © TEM P = blickt das Pergament der Seite hindurch. Schon 
Ä im Kodex 27 ruht das Muster zwischen den 

RUE | Konturriemen auf einem farbigen Grunde, und 
7 RI auch die Lücken innerhalb des Flechtwerks 
N werden mit Farbe — immer nur Gold und 
Silber — gefüllt. Führte der Riemenkontur 
bereits eine deutliche Scheidung rahmender und 
füllender Teile herbei, so arbeitet diese Foliierung 
nun auch den Kontrast von Grund und Muster 


It) Die erhöhte Farbigkeit der Initialen will Merton 
auch diesmal durch eine spätere Überarbeitung erklären 
(S. 28 f.), aber dazu liegt kein Grund vor, da sie sich 
zwanglos in die Entwicklung einfügt. M. will diese Über- 
arbeitung in die Zeit der jüngeren Schrifthand des Buches 
legen, die seiner Meinung nach erst in die Wende zum 
X. Jahrhundert fällt, aber auch diese Datierung ist viel zu 
spät angesetzt, da die angeführten Merkmale (unziales d 


Abb. 3a. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 367: Evangelistar, S. 11. und spitzes v) bereits im Folchart-Psalter zu belegen sind. 


heraus. Zugleich erhält die Zeichnung durch diese ! 
farbige Einbettung einen ruhigeren Charakter, | 
und auf eine solche Beruhigung der etwas laut 
und hart wirkenden Initialen des frühen Wolfcoz- 
Stils war es auch in allen übrigen Punkten 
abgesehen. 

Man vergleiche daraufhin das d von Kodex 
367 mit dem & von Kodex 27 (Abb. 3a und 3b). 
Größer und schwerer hängt in dem späteren © « 
der Flechtknoten in die Buchstabenöffnung, 
durch Symmetrie ernster gestaltet und von 
Häkchen weniger umschwärmt. Der hohe 
und zierliche Schmuck des Tierkopfes ist zwei 
kurzen, rundlichen Ohren gewichen; die aus dem 
Riemenrumpf hervorbrechenden Beine, ein Nach- 
klang altgermanischer Tierornamentik, sind ver- 
schwunden, weil ein geläuterter Geschmack die 
Barbarei solcher Bildungen empfand und die 
Grenzen von Rahmen und Füllung, sowie die 
Symmetrie der beiden Buchstabenbiegungen \ Ä 
strenger gewahrt wissen wollte. ?) Eee 


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y ; Zu ne yye 
ve: B 
, g 


| 
ru: A nA yodcatt ;plaserr fibe .n.io» 


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a EEE FE DET EEE TE Tre pfalmuf' ıdeon nconfilio Imp1Oo 
2) Doch findet sich noch im Folchart-Psalter ein ähn- bab&’rrrulu quıa ca m le she 
liches d auf S. 201. Abb. 3b. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 27: Psalterium, S. 21. 


12 


Es gibt im Folchart-Psalter einige Initialen, die, 
außer der größeren Ausdehnung ihrer Folien, den 
allgemeinen Charakter des Kodex 27 bewahrt haben. 
Aber selbst an ihnen erkennt man deutlich, daß die 
stilistische Entwickelung die Linie, die von Kodex 367 
zum Kodex 27 führt, fortsetzt. Ich bilde zum Ver- 
gleich abermals eine d-Form ab (Abb. 4). Der Buch- 
stabenbauch, im Kodex 367 schmal und hoch, im 
Kodex 27 schon etwas niedriger, lagert sich nun in 
voller Rundung hin. Das freie Kopfende ragt nur 
noch wenig empor, und der umständliche Riemenzug, 
der aus dem Maule des Tierkopfes fließt, ist verein- 
facht und zugleich im Sinne einer genaueren Gleich- 
gewichtsverteilung geordnet worden. 

Gemeinsam ist den drei verglichenen Initialen 
unserer Gruppe die dominierende Stellung des Riemen- 
werks. Doch bereits in den Bibelhandschriften treten 
Initialen auf, die auf eine reichere Gestaltung des 
Vegetabilischen hinzielen. Das Flechtwerk, das die 
Buchstabenöffnungen füllte, wird durch ein stilles 
Blattgebilde ersetzt, und man kehrt selbst zum merc- 
wingischen Linienkontur zurück, um die Buchstaben- 
züge möglichst dicht mit Blattwerk zu füllen (Abb. 


Abb. 4. Folchart-Psalter, S. 40. 


5). Ja, der Buchstabenkern bleibt schmucklos, und 


nur in die Öffnung legt sich eine Blattverzierung (Abb. 6). Dabei sucht man die Kleinformen der 
Frühzeit zu vermeiden und zu größeren, einheitlicheren Figuren vorzudringen, die an Stauden erinnern.) 


Vielleicht hätten diese Initialen die älteren ganz 


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Abb. 5. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 81: Proverbia u. a., S. 92. 


verdrängt, wäre nicht, mangels jeder direkten Natur- 
beobachtung, der Vorrat an Blattformen bald erschöpft 
und damit ihre Verwendung für größere Initialwerke 
in Frage gestellt worden. Gerade diesen Vorzug aber, 
immer neue Kombinationen zu ermöglichen, hatte das 
Riemenwerk, das wiederum an Ruhe und organischem 
Leben dem Blattwerk unterlegen war. Was lag 
näher, als die Vorteile beider zu vereinigen? Man 
knüpfte hierbei an die Häkchen an, welche die Riemen 
bis dahin zahlreich umspielten, aber, obwohl gewiß 
aus Rankenformen entstanden, dennoch ganz abstrakt 
aussahen und auch keine organische Verbindung mit 
dem Riemen eingingen. Der Kodex 83 setzt dafür 
zum ersten Male vereinzelt die sichelförmigen Blatt- 
triebe, die gleichsam eine Versöhnung von Riemen- 
und Blattwerk darstellen (Abb. 7). Konsequent hat 
erst der Folchart-Psalter diese Umbildung vollzogen, 
und er als erster auch hat die Konturriemen durch 
die oben beschriebenen Ringe gegliedert. 
Schließlich ist eine Wandlung der zu Ihnitial- 
zwecken verwandten Alphabete zu konstatieren. In 
den ersten Werken der Wolfcoz-Gruppe ist die 


!) Vgl. aus Kodex 83 und 82 noch die Abbildungen bei 
Rahn, Psalt. Aur. S. 3, 11, 12 und 13. 


13 


Unziale in der Überzahl; allmählich verliert sie diese 
Vorrangstellung, und im Folchart-Psalter hat die 
Kapitale das Übergewicht erlangt. Im Kodex 367 
z. B., der sich wegen der Fülle seiner Initialen zu 
Vergleichszwecken besonders eignet, stehen, wenn 
man nur die Buchstaben zählt, in denen man zwischen 
kapitalen und unzialen oder halbunzialen Formen 
die Wahl hatte, 14 Kapitalen gegen 42 Unzialen, 
ım Folchart-Psalter dagegen 76 Kapitalen gegen 
55 Unzialen. Während ferner der Wolfcoz-Psalter 
für den ersten Psalm noch die insulare &-Form, 
für den 51. die unziale q-Form verwendet, hat der 
fortgeschrittene Psalter Kodex 27 die q-Form bereits 
durch die Kapitale ersetzt. Aber erst der Künstler 
des Folchart-Psalters wählt für die drei seitengroßen 
Initialen nur kapitale Formen, weil nur sie der 


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Abb. 6. St. Gallen, Stiftsbibliothek: Paralipomena u. a., S. 169. 


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erhöhten Bedeutung dieser Psalmen gerecht werden 
können. Gerade die halbunziale &-Form und die 
unzialen q- und d-Formen sind im Folchart-Psalter 
gegenüber den Kapitalen in die Minderheit geraten, 
wohl weil ihre etwas schwankende oder vertikal- 
tendierende Gestalt dem auf Ruhe und Breite gestellten 
Geschmacke nicht recht entgegenkam.') In anderen 
Buchstaben ist das Übergewicht der Kapitale geringer, 
und es fehlt selbst ganz, wenn die unziale Form 
den ästhetischen Ansprüchen genügt,wie z.B.beim €.?) 

In der gewöhnlichen Buchschrift wird überall 
die karolingische Minuskel verwandt, aber auch sie 
wandelt ihren bedeutenden Hochtrieb, der sich in 
der beträchtlichen Ausdehnung der Ober- und Unter- 
längen ausspricht, in ruhigere, breitere und rundere 
Formen um. 

Die durchlaufene Entwicklung durch Vorführung 
ihrer Endpunkte noch einmal prägnant vor Augen zu 
führen, setze ich einer frühen Initiale der Wolfcoz- 
Gruppe eine Folchart-Initiale gegenüber (Abb. 8a 
und 8b). Hier erkennt man denn, wie sich das 
Unruhig-Vielfältige zur Ruhe, das Asymmetrische 
zur Symmetrie, das Vertikal-Tendierende zur Breite, 
das Abstrakte zum Lebendigen gewandelt und 
schließlich die schöne Zeichnung sich zur schönen 
Farbe gefügt hat, um jene vollendete Harmonie zu 
schaffen, die ein Hauch des Klassischen durchzieht. 


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Abb. 7. 
St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 83: Epistolae Pauli u. a., S. 91. 


!) Im Folchart-Psalter stehen 12 B gegen 3 (%,, 8 Q@ gegen I q, 31 D gegen 14 d. 


®) Der Folchart-Psalter hat 16 € gegen 3 E. 


14 


2. Der Umkreis des Folchart-Psalters. 
Die Folchart-Gruppe. 


Die gleichen Stiltendenzen, die wir beim Folchart-Psalter wirkend gefunden, lassen sich noch in 
einigen weiteren St. Galler Initialwerken nachweisen. Es sind das: 


> 8 DD 


T. 


. Zürich: Stadtbibliothek C. 77. Lektionar. 

. Zürich: Stadtbibliothek C. 60. Lektionar. 

. St. Gallen: Stadtbibliothek (Vadiana) Nr. 294. Evangeliar. 

. Aachen: Stadtbibliothek. Evangeliar (sog. Evangeliar des Dr. Wings). 


Karl Lamprecht, Initial-Ornamentik des VII. bis XII. Jahrhunderts. Leipzig 1882, Tafel XIX: 
das £ des Matthäus-Evangeliums und das F des Lukas-Evangeliums. — Tafel XX: 
das I des Markus- Evangeliums. 

Zürich: Staatsarchiv, Ssammelmappe von Ferdinand Keller, S. 53. 

1 Blatt aus einem Evangeliar (Matthäus-Anfang). 


. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 54. Evangelistar (Gundis-Kodex). 


Merton I. c., Tafel IV, Nr. 8: €-Initiale von S. 91. 
St. Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 50. Evangelıar. 


Die Nummern 1, 2, 6 und 7 sind bereits von Merton, in anderer Gruppierung, beschrieben worden; ') 
die übrigen bedürfen einer kurzen Einführung. 

Das Evangeliar der St. Galler Stadtbibliothek Nr. 294 ist, außer von Scherrer in seinem Katalog der 
Vadiana, noch nicht behandelt worden. Scherrer hat seinem Buchschmucke «die größte Ähnlichkeit mit 
dem Kodex der St. Galler Stiftsbibliothek Nr. 342 von S. 277 an» (X. Jahrhundert) nachgesagt, aber 


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Abb. 8a. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 367: Evangelistar, S. 26. Abb. 8b. Folchart-Psalter, S. 100. 


ı)1.c.,S.43ff., S. 7Aff., S. 68f. 


15 


diese Ähnlichkeit besteht nirgends.!) — Format 22 x 20. 322 Blatt ohne Paginierung, in einer Kolumne 
beschrieben. Die künstlerische Ausstattung beschränkt sich auf 6 Blatt Kanonesbögen und 5 blattgroße 
Initialen, wovon 4 auf die Evangelienanfänge fallen, die 5. auf eine Incipitseite zum Matthäus-Evangelium. 
— Farben: Gold, Silber, Mennig; nur bei dem Incipit-I (Bl. 17b) tritt Grün und Lila hinzu. 

Das Aachener Evangeliar 
hat Lamprecht in seiner «Initial 
Ornamentik » in die Kunstge- 
schichte eingeführt, ohne eine 
Lokalisierung zu geben und 
mit der (zu späten) Datierung 
ins X. Jahrhundert. Swarzenski 
hat die Handschrift in seinem 
Aufsatz über Reichenauer Ma- 
lereiı und Ornamentik richtig 
nach St. Gallen versetzt, aber 
irrtümlich eng an den noch 
zu besprechenden Kodex 342 
der St. Galler Stiftsbibliothek 
(X. Jahrh.) angeschlossen,?) mit 
dem sie eben so wenig Ver- 
wandtschaft zeigt wie das 


Evangeliar der Vadiana. Das 
Abb. 9a. Zürich, Stadtbibliothek C. 77: E . es D Abb. 9b. St. Gallen, Stadıbibliothek Nr. 294: 
Eektionen, Bi. Eh: vangeliar gehörte Herrn Dr. Evangeliar, Bi. 17, 


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u ® .,, 9 


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Abb. 9c. Aachen, Stadtbibliothek: Evangeliar. Abb. 9d. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 54: Abb. 9e. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 50: 
Evangelistar, S. 4. Evangeliar, S. 26. 


ı) Einen anderen Kodex der Vadiana, den Psalter Nr. 292, läßt Scherrer dem zur Wolfcoz-Gruppe gezählten Kodex 367 
der Stiftsbibliothek «völlig gleichen». Auch hier erweist sich das Auge des im übrigen vorzüglichen Bücherkenners als ungeschult. 
Der Kodex 292 ist vom Kodex 367 sehr verschieden und seiner ganzen Formensprache nach nicht St. Gallisch. Die Litanei 
(Valens, Senesius) weist auf die Reichenau. Der Zeit nach dürfte er mit dem Kodex 367 parallel gehen. Das Liber hymnorum, 
Bl. 168 bis 175 ist aus dem XI. Jahrhundert und wohl St. Gallisch. Das Widmungsblatt auf Bl. 175b stellt dar, wie ein Mönch 
(Eberhart) dem neben Gregor sitzenden Gallus ein Buch überreicht. 


2) Repertor. XXVI. S. 392, Anm. 10. 


16 


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filem ucPomorü 
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P ofuerunt mMoru 
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orum. efcafuolıu 


Tafel Ill. Folchart-Psalter: Seite 194. 


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korum worum. 
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Aqua-Incırcuruu hie 
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Wings in Aachen, der es 1877 aus der Kunstsammlung Hugo Garthe (} 1876) erwarb. Nach dem Tode 
von Dr. Wings (1893) kam es an die Aachener Stadtbibliothek. ') — Format 24 x 17. 323 Blatt ohne 
Paginierung, in einer Kolumne beschrieben. Markus- und Lukas-Evangelium sind durch falsche Heftung 
vertauscht. Der künstlerische Schmuck (Kanonesbögen und Initialen) tritt an den gleichen Stellen auf, 
wie im Vadiana - Evan- 

id geliar. Dazu noch einige 
r kleinere Initialen. Gold, 

"3 Silber und Menning. 

’ | ] B F R Auf St. Galler Frag- 
E | mente in dem Züricher 
GENERA Staatsarchiv hat mich 


Herr Professor Rahn auf- 


® TION 15 merksam gemacht. Ich 
IHVXPI fand daselbst ein Blatt 


aus einem verloren ge- 
F IL] I gangenen Evangeliar, 

SE das Ferd. Keller aus dem 

Einband eines der in der 

Züricher Stadtbibliothek 

befindlichen St. Galler 
Manuskripte abgelöst 

hat. Es enthält den Be- 
ginn des Matthäus- 


4% 


! TılııaBra.bAa m: 


Evangeliumsineiner | - TEEN schrift C. 60 bereits 
Kolumnemitder £ - OR kleine Initialen eines 
Initiale. Gold, Silber fortgeschritteneren 


Stils, den ich noch 
behandeln werde. 
Von den Züricher 
Lektionaren führen 
zahlreiche Fäden zu 
denfolgendenHand- 
schriften. So ähnelt 
ein Incipit-I in C.77 
Bl.8b den I-Formen 
im Vadiana-Kodex, 
im Aachener Evan- 
geliar u. im Gundis- 
Kodex (Abb. 9a-d). 


und Mennig.”) 

Die Zusammenge- 
hörigkeit der Hand- 
schriften ist die fol- 
gende: Die Züricher 
Lektionare C.77 und 
C.60 sind in Schrift 
und Schmuck von 
der gleichen Hand; 
viele Initialen ähneln 
sich, zwei sind iden- 
tisch (die € -Initiale 
in C. 77, Bl. 287b 
und C. 60, Bl. 15b). Die Incipit - Seiten 
Doch finden sich in des Lektionars C. 60 
der jüngeren Hand- Abb. 10e. Zürich, Staatsarchiv: Evangeliar-Fragment. sınd leider verloren. 


!) Vgl. E. Fromm in der Zeitschrift für Bücherfreunde. 5. Jahrgang, 1901/02, S. 185 ff. 

*) Das Züricher Staatsarchiv enthält an St. Galler Fragmenten außerdem a) 2 Blätter, die aus dem Einband des Manuskripts 
der Züricher Stadtbibliothek C 59 — X. Jahrhundert — (Schriften des Bischofs Althelm: De laude virginum. De octo principalibus 
vitiis) abgelöst wurden. Sie stellen einen Zweikampf zu Fuß und einen zu Pferde dar und sind glänzende Proben St. Galler Feder- 
zeichnungskunst. Abb. im Anz. f. Schweiz. Altertumsk. N.F, Bd.VI, 1904/05, S. 19 ff. — b) Das bekannte Bildnis des Notker Balbulus 
aus einem verloren gegangenen ottonischen Sequentiar. Vgl. P. von Winterfeld i. d. Zeitsch. f. deutsch. Altertum, 1904, Bd. 47, 
S.326f. — Abb. im Anz. f. Schweiz. Gesch. und Altertumsk., 1857, Nr.2, und im « Lebensbild des hl. Notker », Mitt. der Antiquar. 
Ges. von Zürich, XLI, 1877. — c) Dopelblatt aus einem ottonischen Missale. F-Initiale. 


17 


anstatt den Ablauf des Riemens geduldig zu verfolgen, von Knoten zu Knoten zu hüpfen, um die gleich 
gefärbten Flecken zusammenzusuchen. 

Ein fortgeschrittenes Stadium zeigt das D von S. 304 (Abb. 13). Hier wird das Riemenwerk von 
Blattwerk überwuchert, das, von scharfen Zacken zerschnitten, von roten Adern durchfurcht, in heftiger 
Bewegung die Buchstabenöffnung dicht, fast dräuend erfüllt. Die Unruhe ist noch gewachsen. Aber 
das eigentlich Neue liegt in der Behandlung der Buchstabenzüge. Im Vertikalbalken ist der Blattstrom 
der Füllung über seine Riemenufer getreten, in der Buchstabenbiegung sind Riemenkontur und füllendes 
Blattwerk zu einer Einheit zusammengeschmolzen. Rahmende und füllende Teile werden nicht mehr 
streng voneinander geschieden. 

Wahrt das Ornament der Buchstabenöffnung in dieser Initiale noch den ihm dargebotenen Raum, 
so verstrickt es sich in dem € von S. 308 (Abb. 14) mit den Buchstabenzügen und überströmt den 
Außenkontur. Hier sind alle Schranken rahmender und füllender Teile durchbrochen; das Ornament ist 
aus seiner dienenden Stellung herausgetreten und eigenmächtig geworden. 

Natürlich vollzogen sich die Veränderungen in der hier geschilderten Richtung nicht fortschreitend 
von Initiale zu Initiale, sondern sie treten vielrnehr sprunghaft auf, von älteren Bildungen mannigfach 
unterbrochen. Ja zuweilen sucht man, was man auf der einen Seite an Kompliziertheit gewann, auf der 
anderen durch besondere Simplizität auszugleichen, und es entstehen gerade gegen Ende des Buches 
Initialen von einfachster Formen- und Farbensprache und von nobelster Wirkung (vgl. Tafel IV, Nr. 3, 
und Tafel V, Nr. 2). 

Schon aus diesem Grunde darf man die Vollendung des Psalters nicht schlechthin einer anderen 
Hand zuweisen, woran sowohl Rahn wie auch neuerdings Chroust gedacht haben; ') höchstens könnte 
man eine fremde Mitwirkung in Anspruch nehmen. Aber auch dazu liegt bei der großen Einheitlichkeit 
des äußeren Habitus aller Initialen keine Veranlassung vor. Was sich in den späteren Initialen an 
Abweichungen vorfindet, das kommt nicht auf Rechnung eines neuen Künstlers, sondern vielmehr eines 
neu sich bildenden Stils. Dies zu beweisen gehe ich an die Betrachtung der weiteren Stilentwickelung. 


3. Die Fortentwickelung des Folchart-Stils. 
Die Sintram-Gruppe und das Psalterium Aureum. 


Den Stil der folgenden Zeit repräsentieren nachstehende, in relativer Chronologie geordnete Hand- 
schriften: 
l. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 562. Vitz S. Gallı et S. Othmari. 

Mon. Germ. Script. II, Tafel Il, Abb. des C von S. 3. — Dasselbe noch einmal kleiner bei 
Humann, Die Beziehungen der Handschriften-Ornamentik zur romanischen Baukunst. 
Straßburg 1907, Fig. 30. 

2. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 53. Evangelistar (Evangelium Longum). 

Mon. Germ. Script., Il., Tafel V, Abb. des C von S. 11. — Dasselbe noch einmal farbengetreuer 
in den Neujahrsblättern des Historischen Vereins von St. Gallen, 1864. — Farblos noch 
einmal bei Knackfuß, Deutsche Kunstgeschichte, Bd. I, Abb. 42. — Chroust, Mon. Pal., 
1. Serie, Lieferung XVl, Tafel I: das I von S. 6; Tafel II: das C und & von S. 191. — 
Das I von S. 6 noch einmal bei Merton |. c., Tafel IV, Nr. 7. 

3. Wolfenbüttel: Herzogl. Bibliothek Nr. 3095 (17.5. Aug,, IV). Vitz S. Galli et S.Othmari. 
4. München: Hof- und Staatsbibliothek Clim. 22,311. Evangeliar. 
Photographien bei C. Teuffel in München. Nr. 2450—2458. 


') Rahn, Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz, S. 133. — Chroust, Mon. Pal., 1. Serie, Lieferung XIV, Tafel IX. 


20 


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g Tafel IV. Folchart-Psalter: 1. Seite 196, 2. Seite 80, 3. Seite 300, 4. Seite 262. 


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Lber- gefrorum ıpfiuf plenreer Indicre‘ 


Abb. 15a. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 562: 
Vite S. Galli et S. Othmari, S. 3. 


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Abb. 15b. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 53: 
Evangelium Longum, S$. 11. 


. Einsiedeln: Stiftsbibliothek Nr. 17. Evangeliar. — Kuhn, Allgemeine Kunstgeschichte, Bd. III, 


Einsiedeln 1909: das Widmungsblatt auf S. 23 (knieender Mönch vor Christus). 
6. Mühlhausen: Industrielle Gesellschaft. Evangelistar (Erkanbold - Evangeliar). Abb. im 
Katalog der Vente Firmin-Didot, Paris 1832. ') 


7. St.Gallen: Stiftsbibliothek Nr. 342, S. 277—843. Sakramentar. 


Dazu kommen noch 
die Initialen jüngeren 
StilsindenzurFolchart- 

Gruppe gezählten 
Handschriften: Zürich, 
Stadtbibliothek C 60: 
Lektionar u. St.Gallen, 
Stiftsbibliothek Nr. 54: 
Evangelistar (Gundis- 
Kodex) und schließlich 

einige Initialen des 
Psalterium Aureum. 
Die Handschriften 1, 
2, 4 und 5 sind von 
Merton besprochen 
worden; ?) daher kann 
ıch auf ihre Beschrei- 
bung verzichten. Nur 
ist zu erwähnen, daß 
das Münchener Evan- 
geliar nicht aus Passau 
stammt (Merton, S.68), 
sondern aus dem 1125 


—[[[[ 


Abb. 15c. Wolfenbüttel, Herzogl. Bibliothek, 17. 5. Aug. IV: 
Vitz S. Galli et S. Othmari. 


gegründeten Prämon- 
stratenserkloster Wind- 
berg bei Straubing. ”) 
Der Wolfenbütteler 
Kodex wird im Biblio- 
thekskataloge bereits 
nach St. Gallen ge- 
wiesen, doch ist er nicht 
eine genaue Wieder- 
holung des St. Galler 
Kodex Nr. 562,sondern 
stellt textlich eine Er- 
weiterung desselben 
und in seinem Initialen- 
Schmucke eine Fort- 
bildung seines Stils dar. 
Format 22,7 x 15,5. 
140 Blatt in einer Ko- 
lumnebeschrieben. Das 
Buch istfalsch geheftet; 
die richtige Heftung ist 
im innern Einbande no- 
tiert. Der künstlerische 


!) In den beiden von mir eingesehenen Exemplaren der Pariser Nationalbibliothek fehlten diese Abbildungen. 


1: &, 8, 724,8. 0917, S. 0411, S: 00H: 


3) Vgl. Riehl, Zur Bayr. Kunstschichte, I., 1885, S. 10. 


2] 


Schmuck besteht aus 5 Incipit- 
seiten mit je einer I-Initiale und 
zehn weiteren Initialen. Gold, 
Silber, Mennig. 

Das Mühlhausener Evan- 
gelistar gehörte einst der Straß- 
burger Kathedrale, deres Bischof 
Erkanbold (965— 991) zum Ge- 
schenk machte. Sein nächster 
nachweisbarer Besitzer ist Am- 
broise Firmin-Didot,nach dessen 
Tode es 1882 versteigert wurde. 
Die Handschrift gelangte da- 
mals an Armand Weiß in Straß- 
burg, der sie bei seinem Ableben 
(1892) seiner Vaterstadt Mühl- 
hausen vermachte.') Die Zuge- 
hörigkeit zu St. Gallen ergibt 
unzweifelhaft das Capitulare. 
Format 24,2 x 16. 148 Blatt ın 
einerKolumne. Derkünstlerische 
Schmuck besteht aus vier großen 


Abb. 16b. Wolfenbüttel, Herzogl. Bibliothek, 17. 5. Aug. IV: 
Vitz S. Galli et S. Othmari, Bl. 54b. 


Abb. 16a. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 53: 
Evangelium Longum, S$. 6. 


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AL se 


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ser rılumı. SICHFSCRIPTUME 


und ca. 300 kleineren Initialen. 
Gold, Silber, Mennig. 

Das St. Galler Sakramentar 
der Stiftsbibliothek Nr.342 wird 
von Swarzenski als eine «wich- 
tige Übergangsstufe von dem 
ornamentalen Stile der Hartmut- 
handschriften zu dem der Öotes- 
calc-Gruppe» erwähnt.”) Format 
13 x 17. 566 Seiten in einer 
Kolumne. Incipit-, Veredignum- 
und Te igitur-Initiale; außerdem 
mehrere mittlere und sehr viele 
kleine Initialen. Gold, Silber, 
Mennig, selten Lila. 

Die Zusammengehörigkeit 
der Handschriften ist folgende. 
Die beiden Vit& in St. Gallen 
und Wolfenbüttel sowie die 
beiden Evangelistarein St.Gallen 
(Evangelium Longum) und 
Mühlhausen haben ähnliche 


CIPYF SUANGE 
nn MAR 


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a 5 


1117 


Abb. 16c. Einsiedeln, Stiftsbibliothek Nr. 17: 


Evangeliar, S. 127. 


!) Literatur: Catalogue illustre des livres precieux, manuscrits et imprimes, faisant partie de la bibliotheque de M. A. Firmin- 
Didot. Paris 1882, Nr. 6. — Charles Schmidt im Bulletin de la Societe pour la conservation des monuments historiques d’Alsace, 
XII., 1883, S. 34 ff. — R. Stettiner, Die illustrierten Prudentiushandschriften. Berlin, 1895, S. 98 ff. — G. de Dartein in der Revue 


d’Alsace, Bd. 56 und 57 (1905 f.). 


22 


?2) Repertor. XXVI., S. 392, Anm. 10. 


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Abb. 17a. München, Hof- und Staatsbibl. Clm. 22,311: Evangeliar, Bl. 8a. 


C-Initialen (Abb. 15 a-c).') 
Stilverwandte I- Formen 
verbinden das Evangelium 
Longum und die Wolfen- 
bütteler Handschrift mit 
dem Einsiedeler Evangelıar 
(Abb. 16a-c);die £ -Inıtiale 
des Einsiedeler Evangeliars 
ist wiederum der des Mün- 
chener Evangeliars und 
einer der späten Initialen 
des Goldenen Psalters ver- 
wandt (Abb. 17a-c). Die 
vielen kleinen Initialen des 
Evangelium Longum, des 
Erkanbold-Evangeliars,des 
St. Galler Sakramentars 
Nr. 342, sowie von der 
Folchart-Gruppe, die jün- 
geren des Züricher Lek- 
tionars C. 60 und einige 


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Abb. 17b. Einsiedeln, Stiftsbibliothek Nr. 17: Evangeliar, S. 25. 


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Abb. 17c. St. Gallen, Stiftsbibliothek: Psalterium Aureum, S. 302. 


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des Gundis- Kodex sind 
untereinander verwandt. 
Die Bezeichnung Sintram- 
Gruppe wähle ich nach 
dem Künstler, der das 
Evangelium Longum ge- 
schmückt hat. 

Den Stil dieser Gruppe 
zu charakterisieren er- 
wähne ich zunächst, daß 
ihre farbige Haltung über 
Gold, Silber und Mennig 
gewöhnlich nicht hinaus- 


geht. Schon im Umkreisdes . 


Folchart-Psalters sind uns 
Handschriften der gleichen 
Enthaltsamkeit begegnet, 
aber hier lag die Erklärung 
darin, daß es sich nicht um 
Prachthandschriften han- 
delte. Einesolche Erklärung 


wäre wenigstens für ein Werk unserer Gruppe hinfällig, für das Evangelium Longum. Ganz gewiß 
wollte man hier ein Prachtwerk schaffen: das beweist die Fülle der Initialen, die umgemeine Sorgfalt 
ihrer Ausführung und endlich der prächtige Elfenbeinschmuck seines Einbandes (Tutilo-Tafeln.. Wenn 


!) Das Mühlhausener C von Bl. 8a kann ich leider nicht bringen, da mir die Industrielle Gesellschaft das Photographieren 


nicht gestattet hat. 


23 


der Künstler dieser Handschrift sein Prachtbedürfnis mit Gold, Silber und Mennig befriedigte, ja von 
Seite 21 an sogar auf das Silber verzichtete, so darf man hier eine künstlerische Absicht vermuten. 
Zudem ist die Verwendung dieser Farben gegenüber der Folchart-Gruppe meist noch eingeschränkt 
durch das Fehlen aller Folien, sodaß, wie bei den ersten Trägern der Wolfcoz-Gruppe, durch alle 
Lücken der Zeichnung der natürliche Pergamentton blickt. Aber ein Vergleich mit dieser Gruppe zeigt 
uns zugleich den ganzen Unterschied zwischen dem Früh- und dem Spätstile an. In den Wolfcoz- 
Initialen hoben sich alle Einzelheiten der Zeichnung hart und scharf von einander ab (vgl. Abb. 3a und 3a); 
in der Sintram-Gruppe ist die Zahl der Einzelheiten gewachsen, aber ihre Sonderbetrachtung erschwert 
worden. 

Viel zu eng ist das Riemengeflecht geknüpft, viel zu dicht in den Lücken mit Dornen, Beeren und 
Blattwerk gefüllt, viel zu rasch seine Bewegung und viel zu schmal die Riemenbahn gebaut, als daß der 
Beschauer mit Ruhe dieses Labyrinth durchwandern könnte, zumal da die Anfangs- und Endpunkte der Be- 
wegung dem Auge künstlich verschleiert sind. Dem detaillierenden Blicke mußte diese Füllung Verwirrung 
schaffen; hier stellte sich der Genuß erst ein, sobald der Buchstabe als ein Ganzes betrachtet wurde. 


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Abb. 18a. Zürich, Stadtbibliothek C. 60: Abb. 18b. St. Gallen, Stiftsbibliothek: Abb. 18c. St. Gallen, Stiftsbibliothek:: 
Lektionar, Bl. 229. Evangelium Longum, $. 23. Evangelium Longum, S. 218. 


Ein solches unauflösliches Ganzes zu schaffen, das war die letzte Absicht des Sintram-Stils.. Darum 
wurden die Trennungen zwischen dem Buchstaben und seinem Schmucke verwischt und zugleich das 
Ornament zwischen den Konturriemen mit dem der Buchstabenöffnung in eins geschlungen; eine solche 
Initiale sollte nicht in gleicher Weise geschaut und gelesen, sondern in erster Linie geschaut werden. 
Da, wo man noch die rahmenden Bordüren verwendet, könnten sie ebensogut fehlen (Abb. 15c).') Im 
Folchart-Psalter hatte die Bordüre den Zweck, die gegeneinanderstrebenden Teile zu einem Ganzen 
zusammenzubinden, aber hier strebt nichts gegeneinander, braucht also nichts gebunden zu werden; 
alles fügt sich von selbst dem Ganzen ein. 

Und das ist zugleich der Grund, warum man die Polychromie des Folchart-Psalters verließ. Diese 
Polychromie hatte zur Abhebung und Kontrastierung der Teile gedient, aber eben diese scharfe Sonderung 
wollte man jetzt vermeiden. Zuweilen, besonders in den späteren Handschriften der Gruppe, sucht man 
den Verlust an Farbe durch erhöhte malerische Feinheit auszugleichen. Dem Golde wird durch Politur 
das äußerste an funkelndem Glanze entlockt, so daß es wie Blattgold aussieht, in die Lücken des Flecht- 
werks werden hier und da mennigrote Flecke gestreut (Abb. 17c) — ihre Wirkung wurde bereits 
beschrieben — und schließlich wird das Pergament in die farbige Wirkung der Initiale miteinbezogen. 
Die mennigroten Linienkonturen, die in früheren Werken wohl einmal versehentlich nicht nahe genug 
an den Riemen herangeführt wurden, werden jetzt absichtlich in einer kleinen Entfernung vom Riemen 
gezogen, und da, wo der Riemen von einem zweiten überschnitten wird, tritt er nicht ganz dicht an den 


ı) Im Mühlhausener Evangelistar hat sie die C-Initiale des: Cum esset desponsata (Bl. 8a). 


24 


zweiten heran, sondern läßt kleine Lücken frei: man will überall den malerischen Wechsel glänzender 
Metallfarben und stumpfer Pergamenttöne hervorbringen. 

Tragen die großen Initialen der Sintram-Gruppe durch die Dichtigkeit ihrer Ornamentik und die 
Fülle vegetabilischer Details einen üppig wuchernden Charakter, so sind die kleinen dafür um so 
zierlicher, und nur von der abgewogenen Mitte des Folchart-Stils halten sich beide in gleichem Abstande 


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Abb. 19a. Zürich, Stadtbibl. C. 60: Lektionar, Bl. 203b. Abb. 19b. Zürich, Stadtbibl. C. 60: Lektionar, Bl. 189b. 
fern (Abb. 18a-c). Unter diesen kleinen sind von besonderem Reize die lebhaft erfaßten Vögel (Abb. 19a-d), 
welche statt des zum Bilde geformten Buchstabens ein zum Buchstaben verwandtes Bild darbieten. In 
diesen kleinen Initialen hat die Sintram-Gruppe ihr bestes geschaffen. Schwebte dem Künstler des 
Folchart-Psalters als letzte Vollendung der Ausbau der Initiale zur geschmückten Seite vor, so war die 
äußerste Konsequenz des Sin- 
tram-Stils ein dem Künstler 
vorschwebendes Bild, das er | 1a celebran: 
leicht und sicher auf das Perga- Huf EL IM-LII- AD 
ment warf, wie man eine Skizze FRRTER 
auf ein Blatt Papier wirft. 4 Sa 

Ich brauche nun keinen be- 


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sonderen Beweis mehr zu NE 

führen, daß die späten Folchart- MOoc 

Initialen mit der Dichtgket 

ihrer Ornamentik, der gestei- nebraf: X 

gerten Unruhe des Details und | 

der Verwischung aller Grenzen u, Inluftra - #- 
| > zum Schaden der Lesbarkeit Br‘ 1 Fe, San 

Abb. 19c. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 54: der Buchstabenzüge bereits ‚pp. 104. St.Gallen, Stftsbibliothek Nr. 342: 
Evangelistar, S. 130. im Keime enthalten, was die Sakramentar, S. 596. 


Sintram-Gruppe zur Reife gebracht hat. Für die nahen direkten Beziehungen spricht noch die Tatsache, 
daß fast sämtliche im Folchart-Psalter neu auftretenden naturalistischen Pflanzen- und Tiermotive sich 
in Werken der Sintram-Gruppe wiederfinden. Das Motiv des als Rebstock gebildeten I, das C mit dem 
Blumentopf und das D mit den Pilzbäumen wiederholt sich im Erkanbold-Evangeliar (Bl. 90b, Bl. 19b, 
Bl. 137 a); das Rebstock-l ferner in den jüngeren Initialen des Gundis-Kodex (S. 124) und im Evangelium 
Longum (S. 159), und in diesem Evangelium treten auch die Tiermotive des Vogels im Strauch und des 
Storchs, der eine Schlange verspeist, noch einmal auf (S. 334 und S. 159). 

Es bleibt mir nun noch übrig, die Initialen des bekanntesten Werkes der St. Galler Schule, des 
Psalterium Aureum, in unsere Entwickelung einzufügen. Seinem künstlerischen Aufbau nach unterscheidet 


25 


sich der Goldene Psalter erheblich von dem Folchart-Psalter. Der Folchart-Psalter legt den Hauptakzent 
auf die ornamentale Ausschmückung, der Goldene Psalter auf die Illustrierung des Textes. Ihm fehlen 
die purpurnen Litaneiseiten wie die Schmuckblätter der Prafation; die seitengroßen Initialen haben zur 
Linken keine Schriftseite auf Purpurgrund, und von den Psalmen ist nur ein kleiner Teil mit Initialen 
geschmückt, die zudem häufig geringe Größe besitzen. Statt der irischen Dreiteilung hat man hier die 
hebräische Fünfteilung verwandt, doch erhielten nur die drei ersten Bücher dieser Teilung, (der 1., 41. und 
72. Psalm) seitengroße Initialen; dann geriet die ganze Ausschmückung des Psalters ins Stocken, und die 
später einsetzende Hand hat diese Einteilung nicht zu Ende geführt. Die Fünfzehnteilung wurde hier 
durch die liturgische Achtteilung ersetzt, welche die ersten Matutinalpsalmen und den ersten Psalm der 
sonntäglichen Vesper auszeichnet; nur 
ı ganz sporadisch werden einige Psalmen 
der Fünfzehnteilung (der 51., 61. und 
111. Psalm) hervorgehoben. Die soeben 
erwähnte jüngere Hand,die den Initialen- 
Schmuck des Psalters vollendete — nach 
der illustrativen Seite ist er Fragment ge- 
blieben — hob die vernachlässigte Fünf- 
, zehnteilung wieder stärker hervor, indem 
sie den 21., 71., 91., 101., 121., 131. und 
141. Psalm mit einer Initiale versah. 
Damit ist zugleich ihre gesamte Tätig- 
keit beschrieben. 
Wenn man von den nach fremden 
#1, Mustern gearbeiteten Initialen absieht, 
7 die innerhalb der St. Galler Schule eine 
TE Ausnahmestellungeinnehmen,soerkennt 
man in denälteren Initialen des Goldenen 
Psalters das allmähliche Werden des 
Sintram-Stils und zwar bereits vom 
Beginn des Psalters an, nicht erst, wie 
ım Folchart-Psalter, gegen sein Ende. 
Man vergleiche daraufhin das seiten- 
große B des Folchart-Psalters (Abb. 20) 
Et | r;" mit dem gleichen des Psalterium Aureum 
u is men. (Rahn, Tafel I). Die Stilelemente (Riemen- 
re werk, Folien und Bordüren) sind noch die 
gleichen, aber die Art ihrer Verwendung 
differiert. Entscheidend ist die verschiedene Stellung der Initiale zur rahmenden Bordüre. Im Folchart- 
Psalter füllt der Buchstabe den ihm zugeteilten Raum mit genauer Gleichgewichtsverteilung aus und ist 
vom Rahmen deutlich geschieden; im Goldenen Psalter ist er in die linke obere Ecke gerückt, und die 
rahmende Bordüre klingt in dem die Purpurfolie durchziehenden dreiteiligen Rahmenwerk noch einmal 
an, wie umgekehrt die Flechtknoten des Buchstabens in den Eckgeflechten der Bordüre wiederkehren. 
So sind Initiale und Bordüre einander angenähert, und damit ist eine wichtige Scheidung zwar nicht 
vernichtet, aber bereits leicht verschleiert worden. Solchen gegenseitigen Annäherungen, wo früher 
Kontraste standen, begegnen wir bis ins kleinste Detail. Man vergleiche die Bildung der Vertikalbalken. 
Im Folchart-B sind es drei schwere Knoten, zwischen denen kastenartig zwei symmetrische Ornamente 
ruhen; im Goldenen Psalter sind die schweren Knotencäsuren erleichtert worden, die Kästen verschwunden 
und das Ornament der Füllung flüssiger gebildet worden. Das Geflecht der Buchstabenöffnung, im 
Folchart-B genau symmetrisch und durch die verschiedene Stellung der Blattdornen in kontrastierende 


Abb. 20. Folchart-Psalter S. 31: 1. Psalm. 


26 


Bewegung gesetzt, ist im Goldenen Psalter unsymmetrisch gebildet und durch die gleiche Richtung 
aller Dornen in eine einheitliche Bewegung gebracht. Die starke Polychromie des Folchart-B') ist im B 
des Goldenen Psalters in ein weicheres, mehr malerisches Farbenbild verwandelt worden. 

Schon in der zweiten seitengroßen Initiale des Goldenen Psalters (Rahn, Tafel III) ist die farbige 
Unterlage auf die Buchstabenöffnung beschränkt worden, und die rahmende Bordüre ist gefallen. An 
dieser Initiale ist noch bemerkenswert, daß man für das Q die unziale Form q gewählt hat. Im aus- 
gebildeten Sintram-Stil hat die Kapitale ihr Übergewicht bereits wieder verloren. Besonders die unziale 
d-Form rückt nun in den Vordergrund, ja selbst das kapitale D wird ihr angenähert, indem man seine 
Spitze nach oben auszieht. Auch hierfür liefert die ersten Beispiele der Goldene Psalter (Rahn, Tafel IV 
untere Reihe links; Tafel Va erste Reihe Mitte). Eine weitere Etappe bilden Initialen von der Art der bei 
Rahn abgebildeten TE-Initiale (Tafel V oben links). Von dieser Initiale bis zu denen der jüngeren Hand des 
Goldenen Psalters ist der Schritt nicht mehr weit. 

Diese jüngeren Initialen?) hat Rahn an die des Evangelium Longum angeschlossen, ja er hat an den 
gleichen Künstler (Sintram) gedacht, obwohl ihm die erheblichen Unterschiede auffielen. « Der Charakter 
der Ornamente [im Evangelium Longum] ist ein anderer, denen der Folchartschen Buchstaben näher 
stehender; die Blätter sind stumpfer und voller gebildet, es fehlen die zitterigen Ausladungen, und statt 
der Beeren sieht man häufig kleeblattartige Formen aus den kräftigen Riemen und Stengeln hervor- 
wachsen.»?) Gemeinsame Urheberschaft glaubt Rahn daher nur mit der Einschränkung festhalten zu 
können, daß Sintram, nachdem er die letzten Initialen des Goldenen Psalters geschaffen, im Evangelium 
Longum seinen Stil gewandelt habe, und zwar in der Richtung nach einer einfacheren, wieder mehr dem 
Folchart-Stile sich zuneigenden Gestaltung. Und eine solche Wandlung meint Rahn der ganzen St. Galler 
Schule seit dem Goldenen Psalter zuschreiben zu dürfen. 

Konnte Rahn zu dieser letzten Anschauung bei dem damaligen Mangel an Initialenhandschriften 
aus dieser Zeit leicht gelangen, — er mußte sich an Werken wie dem Bamberger Psalterium des Abtes 
Salomo (Kgl. Bibl. A. 1. 14) oder dem Kodex der Stiftsbibl. Nr. 569 orientieren, die ich wegen der all- 
gemeinen Dürftigkeit ihres Schmuckes übergangen habe — so läßt das inzwischen reichlicher fließende 
Material keinen Zweifel daran, daß der Stil seit dem Goldenen Psalter vom Althergebrachten nur immer 
weiter abrückt. Gerade die von Rahn bemerkten schmalen Blätter, zitterigen Ausladungen und kleinen 
Beerchen, die dem Evangelium Longum fehlen: *) sie finden sich in den späteren Werken unserer Gruppe 
vor (vgl. Abb. 15c, 16c und 17a—c) und sie beweisen deutlich, daß sich zwischen die älteren und die 
jüngeren Initialen des Goldenen Psalters die des Evangelium Longum stilistisch einfügen. Demnach hat 
Sintram, wenn er wirklich die letzte Hand an das Psalterium Aureum gelegt hat, — die Frage ist über 
das Stadium der Vermutung nicht zu fördern — die Arbeit jedenfalls erst nach dem Evangelium Longum 
in Angriff genommen. Damit habe ich zugleich die Entwickelung innerhalb der Sintram-Gruppe skizziert. 

Wenn man, wie hier geschehen, vom Goldenen Psalter aus das allmähliche Werden des Sintram-Stils 
verfolgt, so könnte man zu der Ansicht kommen, es handele sich um ein schrittweises Herabsteigen 
von der einstigen Höhe, um eine zunehmende Verwilderung des Geschmacks. Demgegenüber sei hier 
besonders betont, daß die besten Werke der Sintram-Gruppe an Qualität ihren Vorgängern um nichts 
nachstehen und daß der vollendete Sintram-Stil ein durchaus eigenartiges und für sich existierendes 
Gebilde ist. 

Ja, man kann sagen, daß in einer Beziehung die beiden Stile in einem strikten Gegensatze zueinander 
stehen.°) Diese Beziehung liegt in dem ästhetischen Verhältnis der Einheit zur Mannigfaltigkeit, welcher 


!) Die Rahmenbordüre hat goldene Riemen und goldenes Blattwerk auf blauem Grunde. Das B ruht auf silberner Folie, 
die Riemen sind golden. Die drei Knoten des Vertikalbalkens und die goldenen Muster der Buchstabenbiegungen sind grün 
unterlegt. Die Muster der Buchstabengeraden sind blau foliiert. 

?) Proben bei Rahn, Tafel V erste Reihe rechts und zweite Reihe links und rechts. 

3) Psalterium Aureum, S. 50. 

4) Doch hat sie bereits das Q S. 66 und das N S. 278. 

5) Man vergleiche für die folgenden Ausführungen etwa das $£_ des Folchart-Stils (Abb. 10b) mit dem f_ des Sintram-Stils 
(Abb. 17). 


27 


beider zugleich das Kunstwerk nicht entraten kann, denn eine Einheit, die nicht über eine Mannigfaltigkeit 
Herr geworden, ist leer, eine Mannigfaltigkeit, die sich keiner Einheit beugt, ist wirr. Wohl aber kann sich 
der Ausgleich dieser beiden Pole verschieden gestalten. 

Im Folchart-Stil führt die Mannigfaltigkeit eine deutlich artikulierte Sprache; jeder Teil hat für sich 
Bedeutung und Selbständigkeit und hebt sich von dem nächsten durch klare Scheidung, ja durch Kon- 
trastierung entschieden ab. Die Teile unter sich werden durch eine genaue Komposition zur Einheit 
abgewogen. In der Sintram-Gruppe dagegen ist die Mannigfaltigkeit quantitativ gewachsen, aber qualitativ 
gesunken; die Einheit herrscht hier über eine viel größere Mannigfaltigkeit, aber die einzelnen Teile haben 
an Selbständigkeit verloren. Für sich genommen geben die Teile keinerlei Bedeutung; sie haben ihr 
Leben erst von der Einheit, der sie sich unterworfen haben. Sie wiegen sich nicht zur Einheit ab, sie 
schmelzen zur Einheit zusammen. 

Im ersten Falle wird, was das Auge als Einheit sieht, mit Hilfe geistiger Kraft in eine wohlgefügte 
Ordnung zerlegt; im zweiten Falle wird das, was dem Verstande sinnlos erscheint, mit Hilfe des Auges 
zu einer Einheit zusammengeschlossen; im ersten Falle wird dem Verstande, im zweiten dem Auge die 
größere Leistung und damit der größere Genuß zuerteilt. 

Daraus erklärt sich denn auch, daß die erste Richtung der zweiten zeitlich vorausgeht, denn die 
Verfeinerung des Auges kann erst durch Übung erlangt werden, die Fähigkeit zu scheiden auch ohne 
Kunstübung geschult sein. Ich brauche wohl nicht erst hinzuzufügen, daß diese Ausführungen nicht nur 
für die Folchart- und für die Sintram-Gruppe zutreffen, sondern eine typische Art der Stilentwickelung 
bestimmen, der wir in der Kunstgeschichte immer wieder begegnen. 


28 


Tafel V. Folchart-Psalter: 1. Seite 322, 2. Seite 277, 3. Seite 230, 4. Seite 319. 


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II. DIE ABSOLUTE CHRONOLOGIE DER 
ST. GALLER INITIALWERKE. 


it Notwendigkeit hat sich unsere Untersuchung, die mit der Beschreibung des Folchart- 

Psalters begann, zu einer Geschichte der karolingischen Initialen-Schule St. Gallens erweitert. 

Auch die Frage der Datierung muß für die ganze Schule zugleich gestellt werden, um eine 
befriedigende Antwort für die Datierung des Folchart-Psalters zu erhalten. Diese Antwort ist für St.Gallen 
besonders schwierig, da sich an keines ihrer Erzeugnisse bestimmte Jahreszahlen knüpfen lassen. Wir 
sind allein auf die Lebenszeiten der Mönche angewiesen, deren Namen mit einzelnen Handschriften in 
Verbindung stehen, aber die dadurch sich ergebenden Spielräume sind oft beträchtlich. Sie zu verringern, 
muß uns die relative Chronologie der Handschriften helfen, die ja auch ihrerseits, um die Linie ihrer 
Entwickelung nicht falsch zu ziehen, einiger Datierungen, freilich nur in der Richtung des vorher und 
nachher, bedurfte. 

Der erste Kodex unserer Schule, welcher karolingische Initialen trägt, Nr. 20 der Stiftsbibliothek, 
führt nach Beendigung des 150. Psalms (S. 327) in einer gegenüber dem ganzen Kodex fortgeschritteneren 
Schrift folgende Verse: 

Psalterium hoc dno semp sancire curaui 
Vuolfcoz sic supplex nomine qui uocitor 
Obtestor modo psentes oms q; futuros 

Hoc minime hinc tollant. sed stabile hic maneat 
Pro me'funde preces lector deposce tonantem 
Ut mihi det uitam sic tibi perpetuam. 

Das Gedicht läßt nicht klar erkennen, ob dieser Wolfcoz der Verfertiger oder der Stifter der Hand- 
schrift ist. Da der Name Wolfcoz sich unter den St. Galler Mönchen findet, so neige ich dazu, in ihm 
den Verfertiger zu sehen, denn einen Mönch sich als Stifter zu denken, fällt schon schwerer und ist in 
St. Gallen nirgends zu belegen. In St. Galler Urkunden finden sich mindestens drei Mönche, die den 
Namen Wolfcoz tragen.!) Der erste tritt noch im letzten Viertel des VIII. Jahrhunderts auf; der zweite 
schreibt von 817 bis 822 Urkunden und nennt sich 830 als Zeuge;?) der dritte ist 840/41?) bis 867 als 
Urkundenschreiber bezeugt, in den Jahren 861, 863,64, 864, 868 und 874 Präpositus und in den Jahren 
878 und 879 Dekan.*) Merton hat mit schwacher Begründung an den zweitgenannten Wolfcoz (817 
bis 830) gedacht;°) ich setze vielmehr den dritten Wolfcoz (840/41 bis 879) mit unserer Handschrift in 
Verbindung und zwar aus folgenden Gründen. Der Kodex 367, in Schrift und Ausstattung von der 
gleichen Hand, die den Kodex 20 gefertigt hat, schließt sich stilistisch schon eng an die nachweisbar 
unter Abt Grimalt (341 bis 872) geschriebenen Handschriften Nr. 81, 82 und 83 der Stiftsbibliothek an.‘) 
Dieser Grimalt ist ein gebürtiger Franke, und so liegt es nahe, den Eintritt St. Gallens in den fränkisch- 


1) Vgl. das Urkundenbuch von St. Gallen, ed. H. Wartmann, Zürich 1863 ff., Bd. I, S. 221 Anmerkung. 

2) Urkundenbuch I, Nr. 228, 236, 238, 242, 244, 245, 246, 249, 252, 269, 271, 273, 274, 333. 

3) Und nicht erst von 845 an, wie Merton S. 11 annimmt. 

+) Urkundenbuch II, Nr. 383, 395, 426, 445, 493, 494, 524. — 481, 498, 499, 562, 577, 581. — 605 und Anhang Nr. 9. 
— Die Urkunde 562, die von Wartmann 841— 872 datiert ist, bestimmt Stettiner, Die illustrierten Prudentiushandschriften, S. 114, 
näher auf 863/64. 

5)1.c,S. 11. 

6) Ratperti Casus S. Galli, cap. 26 (Mon. Germ. Script., II, S. 70). 


29 


karolingischen Kunstkreis mit seinem Amtsbeginn (841) in Verbindung zu setzen. Da schließlich, wie ich 
sicher annehme, die Ausnahme-Initiale am Schluß des Kodex 367, in der sich neben erhöhter Farbigkeit 
bereits der Riemendorn findet, keine spätere Zutat ist, sondern vom Zeichner des ganzen Kodex noch 
selbst geschaffen wurde — sie trägt durchaus die Merkmale seiner künstlerischen Handschrift — so 
rückt der Kodex 367 damit gar an den fortgeschrittenen Stil der Wolfcoz-Gruppe heran. Alles das wäre 
unmöglich, wenn der terminus ad quem dieser Handschrift das Jahr 830 wäre. 

Nehmen wir Kodex 20 kurz nach dem Amtsantritt Grimalts und den entwickelteren Kodex 367 
einige Jahre später an, so rückt damit der terminus a quo der Bibelhandschriften, zu denen die eben 
erwähnten Grimalt-Kodices gehören, an das Ende der vierziger Jahre. Der terminus ad quem hängt von 
der Datierung des Folchart-Psalters ab. 

Der Folchart-Psalter trägt S. 26—27 die schon erwähnte Inschrift: 

Hunc przceptoris Hartmoti jussa secutus 
Folchardus studuit rite patrare librum.') 

Damit sind uns zwei Namen an die Hand gegeben. Hartmut ist natürlich der St. Galler Abt (872 
bis 883), doch weist die Bezeichnung pr&ceptor darauf hin, daß er die Abtswürde zu der Zeit, als er 
die Anfertigung befahl, nicht bekleidet hat. Dazu stimmt auch, daß unter den im Stiftskatalog Nr. 267 
und dann bei Ratpert aufgezählten Handschriften, die Hartmut während seiner Amtszeit schreiben ließ,?) 
unser Psalter nicht erwähnt wird. In St. Gallen ist Hartmut seit 838 nachweisbar; seit 849 bekleidet er 
den Posten eines ständigen Dekans und Stellvertreters des Abtes Grimalt. Da man nicht annehmen kann, 
daß er ohne die nötige Würde ein solches Prachtwerk bestellen durfte, so ist damit in dem Jahre 849 ein 
vorläufiger terminus a quo gegeben. 

Zu einer näheren Fixierung glaubte Chroust durch folgende Erwägung zu kommen. «Auf Seite 13 
findet sich die Litanei (?), die auch den Namen des damals regierenden Papstes enthalten hat. Dessen 
Name ist freilich bis auf die Endsilbe «num > radiert, aber diese Endsilbe kommt von den damals regierenden 
Päpsten nur Hadrian Il. zu (867 bis 872); allenfalls noch Marinus (882 bis 884); zur Zeit des Marinus 
war aber Folchart schon Dekan und betagt, was es weniger wahrscheinlich sein läßt, daß er sich damals 
noch der schwierigen Schreibarbeit unterzogen hätte.»°) Chroust ist hier ein Irrtum zugestoßen, der 
seine Erwägung wertlos macht. Richtig ist, daß auf S. 13 der Litanei in der Bitte um die Erhaltung des 
Papstes eine Rasur stattgefunden hat, aber nicht an einem Eigennamen, sondern an dem Worte Domnum 
der bekannten und in St. Gallen ganz üblichen Formel: Ut Domnum Apostolicum in sancta religione 
conservare digneris.*) Diese Bitte nämlich, berichtet J. Metzler (+ 1639) in seiner Stiftschronik Kodex 1408, 
S. 187, «schismaticum quendam hominem cum affligeret, impulit, ut vocem Domnum Apostolicum usque 
ad — num — eraderet.- Bei genauerem Zusehen ist noch ein Teil des ersten (T) des Wortes Domnum 
zu erkennen. 

Es ist an sich durchaus nicht unwahrscheinlich, daß der Ausdruck pr&ceptor auf Hartmuts Tätigkeit 
nach seiner Amtszeit hinzielt. Als Hartmut 883 freiwillig resignierte, hat er sich gerade von seiner Lehr- 
tätigkeit nicht ganz zurückgezogen; wenigstens vermeldet Ratpert: «non destituit a magisterio ibidem 
degentium -,°) während freilich gleichzeitig der Mönch von St. Gallen (Notker Balbulus) von Hartmut 
als «Inclusus> spricht.°) Jedenfalls tritt er noch 895 mit dem Titel Presbyter als Zeuge auf (Urkunden- 
buch Il, Nr. 697). 

Zu einer ähnlichen Begrenzung nach unten und oben führt die Untersuchung über den Verfertiger 
des Buches. In den Chroniken Ratperts und Ekkeharts wird Folchart nicht genannt; vielleicht erzählte 


ı) «Des Lehrers Hartmots Sinn getreulich auszuführen, 
Hat Folchart sich bemüht, dies Buch recht schön zu zieren.» 
übersetzt Gerbert, Reisen durch Alemannien, Welschland und Frankreich ... Ulm, Frankfurt und Leipzig, 1767, S. 84. 
*) Mon. Germ. Script., II, S. 72. 
3) Mon. Pal., 1. Serie, Lieferung XIV, Text zu Tafel IX. 
') Vgl. die Litanei im Kodex 27, S. 705, und im Kodex 17, S. 340. 
5) Mon. Germ. Script., II, S. 74. 
?) Gesta Caroli, Mon. Germ. Script., II, S. 754. 


30 


uns Hartmut von ihm, dessen Werk verloren ist. Nur in Urkunden begegnet uns der Name Folchart des 
öfteren. Chroust hat durch Schriftvergleich festgestellt, daß der Schreiber des Psalters mit dem Urkunden- 
schreiber Folchart identisch ist; damit stehen wir auf sicherem Boden, mit Hilfe der Urkunden eine wenn 
auch noch so karge Biographie des Künstlers zu schreiben. Bei den vielen St. Galler Mönchen ähnlichen 
Namens (Folhart, Folhhart, Folchrad usw.) habe ich, um keine Verwechslung mit anderen zu begehen, 
nur die Schreibweisen Folchart und Folchard (Folchardus) anerkannt. Aber auch dann noch lassen sich 
mit Gewißheit zwei Träger des gleichen Namens feststellen; in einer Urkunde vom Jahre 892 (Urkunden- 
buch Il, Nr. 686) zeichnen sich beide als Zeugen ein. Ich habe daher eine weitere Einschränkung vor- 
genommen, indem ich nur solche Urkunden benützte, welche die mönchische Ämterlaufbahn, die bereits 
den Urkundenschreiber Folchart bis zum pr&positus führt, logisch fortsetzen. 

Als Schreiber von Urkunden nennt sich Folchart von 855 bis 865 (Urkundenbuch Il, Nr. 442, 463, 
472, 480, 513, 514), im Jahre 858 mit dem Titel subdiaconus, vom Jahre 860 an mit dem Titel diaconus. 
Vom Jahre 869 bis 878 begegnet er uns als pr&positus, sei es, daß er nun von anderen Mönchen Urkunden 
für sich schreiben ließ (Urkundenbuch Il, Nr. 544, 546, 576 Anmerkung, 582, 592, 593, 597, 606), sei es, 
daß er als Zeuge fungierte (Nr. 547, 556, 583, 605). In den Jahren 882, 883, 884, 890, 894, 895 und 898 
unterschreibt sich Folchart in der Zeugenliste als Dekan ') (Urkundenbuch Il, Nr. 622, 625, 630, 634, 679, 
686, 738,?) 693, 697, 715). Folcharts Vorgänger im Dekanat ist jener Wolfcoz, den ich als den Künstler 
der Kodex 20 und 367 der Stiftsbibliothek in Anspruch genommen habe. Demnach war Folchart in den 
Jahren 855 bis 898 tätig. Verbinden wir diese Zahl mit dem Spielraum, den uns die Daten für Hartmut 
eröffneten (849 bis 895), so ergibt sich daraus für die Datierung des Folchart-Psalters die Zeit von 855 
bis 895, wobei wir freilich die Jahre 872 bis 883 als die der Abtsregierung Hartmuts ausschalten können. 

Eine Verringerung dieses Spielraums kann nur das Zurückgehen auf die relative Chronologie der 
Handschrift ermöglichen. Sie ließ uns den Psalter eng an die letzten Träger der Wolfcoz-Gruppe 
anschließen, deren Stiltendenzen er zur Reife und Vollendung bringt. Darnach ist er mit ziemlicher 
Sicherheit vor der Abtswahl Hartmuts entstanden. Hierbei kann ich eine Vermutung nicht unterdrücken, 
auf die mich die Prüfung der Litanei brachte. In ihr findet sich bereits der hl. Othmar, der, wie schon 
erwähnt, in den früheren Psalterien, selbst im Kodex 27 der Wolfcoz-Gruppe, noch nicht vorkommt. 
Diese Erwähnung hat ihr Pendant in den Schriften Isos über den hl. Othmar (864 und 867) und vor 
allem in der 864 begonnenen, 867 geweihten Othmarkirche, mit der die Verehrung des Heiligen ihren 
Höhepunkt erreicht. Sodann wissen wir durch Ratpert, daß sich Hartmut dieser Kirche besonders 
annahm.°) Sollte er den prachtvollen Psalter gleichfalls für die Kirche bestimmt haben? Damit würde 
der Psalter in die sechziger Jahre fallen; festzuhalten ist, daß er zwischen den Jahren 855 und 872 
entstanden ist. 

Ein weiteres Werk Folcharts ist uns nicht erhalten. Nur dem Namen nach hat uns der St. Galler 
Bibliothekar Pius Kolb in seinem handschriftlichen Kataloge vom Jahre 1755 (Stiftsbibliothek, Kodex 1281 
und 1282), Band Il, S. 32f. und S. 35, eine Handschrift (S. n. 69) überliefert, die Folchart gefertigt haben 
soll.*) Doch ist bei der mangelnden Stilkritik der Zeit eine solche Zuschreibung mit Vorsicht aufzunehmen. 
Auch das Psalterium Aureum wurde ja im XVII. Jahrhundert Folchart zugeschrieben.°) Gerbert lieh 
sich den Band nach St. Blasien; dort ging er bei dem Klosterbrande von 1768 zu Grunde. Für die 
Handschriften der Folchart-Gruppe gilt die gleiche Datierung wie für den Folchart-Psalter; ihre Spät- 
werke fallen wohl schon in die Abtszeit Hartmuts. . 


1) 882 brauchte also Folchart durchaus noch nicht «betagt» zu sein, wie Chroust meint. 

?2) Die Urkunde Nr. 738, die Wartmann in das Jahr 904 setzte, mit dem Zusatz, «daß das ganz unveränderte Datum auch 
auf den 20. September 892 führt, der in das fünfte Jahr König Arnulfs fällt, und daß in dem Text der Urkunde durchaus kein 
Hindernis liegt, an die Regierungsjahre dieses Königs statt an diejenigen Ludwigs zu denken,» wird von M. von Knonau in das 
Jahr 892 verlegt. (St. Galler Mitteilungen, Heft 13, S. 75.) 

3) «Qu& basilica etiam post tempora Grimaldi ab Hartmoto abbate ita, ut hodie videtur, aucta est atque constructa, tumba 
videlicet et altari plenius decoratis» (Mon. Germ. Script., 11, S. 71). 

4) Die genauere Beschreibung des Inhalts bei Weidmann, Geschichte der Bibliothek von St. Gallen, 1841, S. 131. 

5) Es trägt S. 1 den Vermerk: «a. Folchardo monacho scriptus». 


31 


Die Datierung des Folchart-Psalters vor 872 gibt uns einen Anhalt zur Datierung des Kodex 562 
der Stiftsbibliothek, den ich als erste Handschrift der Sintram-Gruppe notiert habe, weil er sich in vielen 
Initialen an den Stil der Folchart-Gruppe und des Psalterium Aureum anlehnt. Unter den von Hartmut 
während seiner Abtszeit besorgten Handschriften vermerken der Stiftskatalog Kodex 267, und Ratpert 
auch eine «Vitam sanctorum Galli et Otmari in volum. I», und schon Scherrer, der Verfasser des Stifts- 
katalogs, hat im Kodex 562 diese Vita vermutet. Damit fiele ihre Entstehungszeit zwischen 872 bis 883, 
und dieser Datierung steht nichts im Wege. 

Zu einer etwas genaueren Bestimmung gelangt man, wenn man den Forschungen Stettiners über 
die beiden ältesten Stiftskataloge zustimmt.!) Ihre Resultate seien hier kurz wiederholt. Während man 
früher annahm, daß der zweite Stiftskatalog (Kodex 267), der in seinem ersten Teile eine Abschrift des 
ersten Katalogs (Kodex 728) ist, in seinem zweiten Teile als neu hinzukommende die unter Grimalt und 
Hartmut geschaffenen Werke aufnimmt, ?) hat Stettiner herausgefunden, daß diese scheinbaren Neu- 
erwerbungen bereits im ersten Kataloge zum größten Teil enthalten sind. Der zweite Katalog gibt also 
in seinem zweiten Teile nicht viel mehr als einen Auszug aus seinem ersten Teile, nur daß er jetzt die 
Bücher nach Äbten ordnet. Damit ist natürlich die Beendigung des ersten Katalogs hinaufzurücken. 
Nun ist der erste Katalog von einer älteren und einer jüngeren Hand geschrieben worden; die Rand- 
bemerkungen fallen einer dritten Hand zu. Die Eintragungen erster Hand läßt Stettiner aus triftigen 
Gründen vor Ende der sechziger Jahre, die Eintragungen zweiter Hand vor Ende der siebziger Jahre 
entstanden sein. Diese Datierung hat nun für uns insofern Wichtigkeit, als sich in der Tat bereits im 
ersten Stiftskatalog (Kodex 728), S. 15, Zeile 4 von oben, eine «vita sancti Galli et Otmari» findet. Wie 
alle Bücher, die sich gleichzeitig im zweiten Katalog als von Hartmut befohlene vorfinden, ist diese 
Eintragung von der jüngeren Hand. Sie trägt noch den Vermerk «nobiliter scripta», der auf unsere 
geschmückte Handschrift vorzüglich passen würde. Damit rückt der terminus ad quem für den Kodex 562, 
immer vorausgesetzt, daß er der in den beiden Katalogen und bei Ratpert genannte ist, vor das Ende 
der siebziger Jahre. Sein terminus a quo ist für alle Fälle das Jahr 867, da er bereits die Schriften Isos 
über den hl. Othmar (864 und 867) enthält. 

Merton ist zu einer anderen Datierung des Kodex 562 gelangt. «Auf die Entstehungszeit der 
Handschrift wirft ein Licht, daß die Mönche von St. Gallen, laut gleichzeitigem Eintrag auf der Incipit- 
seite, den Kodex im Jahre 1653 vom Bischof von Konstanz zurückkauften (precio redemptus est). Die 
Annahme liegt nahe, daß er durch Salomo Ill. (890 bis 920), der Abt von St. Gallen und Bischof von 
Konstanz zugleich war, dorthin gekommen war. Die Handschrift wird wohl für ihn angefertigt sein» (S. 73). 
Der Annahme, daß Salomo die Handschrift nach Konstanz brachte, steht die Tradition gegenüber, die 
J. von Arx seinerzeit in den Kodex eintrug: Constanti@ quo Abbatem Casparum multos ex Bibliotheca 
S. Galli libros abstraxisse acta produnt, hzsisse creditur, usque diem abs Abbate Pio, illo multorum 
manuscriptorum reemptore redimeretur. Der genannte Abt Kaspar regierte 1442 bis 1457.°) 

Das Evangelium Longum ist laut Ekkehart auf Befehl des Abtes Salomo (890 bis 920) von Sintram 
geschrieben worden.*) Daran ist, nachdem der Schriftvergleich die Identität seiner Schrift mit einer von 
_ Sintram geschriebenen Urkunde ergeben hat, nicht zu zweifeln.®) Diese Urkunde hat Sintram 885 mit 
dem Titel «subdiaconus» geschrieben. 895 tritt Sintram als Diakon auf (Urkundenbuch Il, Nr. 646 und 697). 
Auch die etwas novellistisch klingende Angabe Ekkeharts, daß Salomo als Abt eigenhändig zwei Initialen, 
ein L und ein C, gemalt hat°) — es kann sich nur um die Initialen auf S. 7 und S. 11 handeln — glaube 
ich aufrecht halten zu dürfen. . Merton hat diese Angabe bezweifelt (5. 69), weil sich im Evangelium 
Longum einige Initialen ähnlichen Stils vorfinden. Das ist richtig (vgl. z. B. das V von S. 131), jedoch 

1) Die illustrierten Prudentiushandschriften, S. 111 ff. | 

2) Die Kataloge sind mehrfach gedruckt worden, u. a. von Becker: Catalogi antiqui, Nr. 22 und 23. Lohnend wäre eine 
gründliche Arbeit über sämtliche St. Galler Stiftskataloge. 

3) Vgl. auch Weidmann, 1. c., S. 51. 

4) Mon. Germ. Script., II, S. 89. 


6) Chroust, 1. c., Lieferung XVI, Tafel H. 
6) Mon. Germ,, 1. c., S. 92. 


32 


haben die beiden Initialen etwas Gemeinsames, das sie von allen übrigen unterscheidet: der Grund 
zwischen den Riemen der Buchstabenzüge ist dunkelbraun gefärbt, und der mennigrote Linienkontur 
dieser Riemen ist von besonderer Stärke (vgl. Abb. 15b). Die weitere Angabe Ekkeharts, daß für den 
Einband bereits vorhandene Elfenbeinstücke verwendet wurden, ist durchaus glaubwürdig, denn nur so 
erklärt sich das ungewöhnliche Format (Höhe 0,40, Breite 0,235), dem das Evangelium das Beiwort 
«Longum» verdankt. Sehr wahrscheinlich auch, daß Tutilo diese Tafeln — wohl nicht nur eine, wie 
Ekkehart angibt,') sondern alle beide — geschnitzt hat, denn ein so vorzügliches Werk knüpft man mit 
Recht an den einzig bekannten, weil gewiß bedeutendsten Schnitzer der St. Galler Elfenbeinschule an. 
Dieser Tutilo wird urkundlich in St. Gallen 895 bis 912 erwähnt.?) Schließlich ist auf dem vergoldeten 
Silberbleche des hinteren Buchdeckels eingeritzt: «Ad istam paraturam Amata dedit duodecim denarios.» 
Diese Amata — der Name findet sich auch auf S. 199 der Handschrift — ist sicherlich mit der Guts- 
besitzerin Amata identisch, die im Jahre 903 dem Kloster von ihren Besitzungen in Linkenweil eine 
Stiftung macht (Urkundenbuch Il, Nr. 729). Hält man alle diese an die Namen Salomo, Sintram, Tutilo 
und Amata sich knüpfenden Daten nebeneinander, so gelangt man circa an die Wende vom IX. zum 
X. Jahrhundert. Will man auch hier an eine Kirche denken, für welche dieses Prachtwerk bestimmt war, 
so käme die 898 von Salomo errichtete Magnuskirche dafür in Betracht. Auch aus stilistischen Gründen, 
aus einer Verwandtschaft mit Kodex 562, ist das Evangelium noch ins IX. Jahrhundert zu setzen; selbst 
dann bleibt zwischen Kodex 562 und Evangelium Longum noch ein Zwischenraum von circa 20 Jahren. 
Vielleicht hat die Schule während der Regierungszeit des wenig bedeutenden Äbtes Bernhart (883 bis 
890) stagniert. 

Eine Stagnation der gesamten Kunsttätigkeit könnte auch die Schuld daran tragen, daß zwischen 
Beginn und Vollendung des Psalterium Aureum ein längerer Zeitraum liegt. Denn nach seiner Ver- 
wandtschaft mit dem Folchart-Psalter und vor allem dem Kodex 562 ist sein Beginn noch in die Amts- 
zeit Hartmuts zu legen; wenn es in dem Verzeichnis der von ihm bestellten Werke fehlt, so liegt das 
wohl nur daran, daß zur Zeit der Abfassung dieses Verzeichnisses der Psalter noch nicht beendet war. 
Er wurde wahrscheinlich unter Abt. Salomo fertig gestellt, nicht vor dem Anfang des X. Jahrhunderts, 
da seine jüngsten Initialen einen entwickelteren Stil aufweisen als die des Evangelium Longum. 

Die Handschriften in Wolfenbüttel, München, Einsiedeln und Mühlhausen wären dann ins X. Jahr- 
hundert erste Hälfte, zu datieren, der Kodex 342 wohl schon ins X. Jahrhundert zweites bis drittes Viertel. 
Für diese Zeit sind uns durch Ekkehart auch einige Miniaturisten überliefert. Ein Chunibert wird von 
ihm bezeichnet als «scriptor directissimus, doctor summe planus, pictor ita decorus, ut in laquearis 
(Getäfel) exterioris sancti Galli ecclesi& circulo videre est».?) Dieser Chunibert erscheint in einer Urkunde 
vom Jahre 933 als Schreiber mit dem Titel subdiaconus und 962/63 als Dekan (Urkundenbuch Ill, Nr. 792 
und 808). 976 findet sich Chunibert (derselbe ?) als portarius (Nr. 815). — Notker der Arzt (Pfefferkorn 
+ 975) wird von Ekkehart auch als Maler und Miniaturist genannt. Nach dem Brande der Galluskirche 
(837) malte er Türflügel und Getäfel der restaurierten Kirche.*) Bereits in die zweite Hälfte des X. Jahr- 
hunderts fällt die Wirksamkeit Ekkeharts Il. (F 990 als Mainzer Propst), des Lehrers der Herzogin Hadwig 
von Schwaben. Er war Schönschreiber und Miniaturist und vor allem in der Kunst der Initiale bewandert.°) 


)1.c,S. 89. 

2) Das letzte Mal Urkundenbuch Il, Nr. 771. Darum braucht er noch nicht 912 gestorben zu sein, wie Merton $. 71 annimmt. 
3) Mon. Germ. Script., II, S. 138. 

#) 1.c.,S. 136: picturas quidem post arsuram list Gallo fecerat, ut videre est in januis et laqueari ecclesi& et libris quibusdam. 
6). c., S. 122, vgl. Meyer von Knonau in der Allgemeinen Deutschen Biographie. 


33 


IV. DIE BEZIEHUNGEN DER ST. GALLER 
INITIALEN-SCHULE ZU DEN ANDEREN 
KAROLINGISCHEN SCHULEN. 


ie Frage nach den Beziehungen St. Gallens zu den anderen Initialen-Schulen stelle ich zunächst 

in folgender Form: Ist die Entwickelung, deren Verlauf von der Wolfcoz-Gruppe bis zur Sintram- 

Gruppe wir gefolgt sind, nur in St. Gallen zu finden, oder ist sie die allgemein karolingische? 
Zur Beantwortung dieser Frage skizziere ich rasch den Gesamtverlauf der karolingischen Initialenkunst. 
Ich halte mich hierbei nur an die tonangebenden Schulen und wähle mir als Beispiele abwechselnd 
diejenigen aus, welche das jeweilig Neue am deutlichsten formulieren. Die Frühzeit belege ich mit der 
Ada-Gruppe und der Schule von Reims, die mittlere Zeit mit den Schulen von Metz und Tours, die 
Spätzeit mit der Schule von Corbie. 

Vergleicht man Frühwerke der Ada-Gruppe, etwa das Godescalc-Evangelistar, den Wiener Dagulf- 
Psalter und die Ada-Handschrift, mit einem Frühwerk der Reimser Schule, dem Evangeliar der Wiener 
Schatzkammer, so ergeben sich als auffallendste gemeinsame Kennzeichen ihres Initialenschmucks eine 
ganz abstrakte Formensprache des Riemenwerks, wie sie uns auch die ersten karolingischen Werke 
St. Gallens offenbart haben. Nur tritt es in den fränkischen Schulen feiner auf, im Geflechte zierlicher 
und im Verhältnis zur Größe des Buchstabenganzen kleiner, als in St. Gallen. Hier wie dort ist die 
Färbung der Riemen golden und silbern, jedoch finden sich in den fränkischen Werken bereits die 
prächtigen Folien der ganzen Blattseite (purpur oder blau) vor, die in St. Gallen erst seit dem Folchart- 
Psalter begegnen, und auch die Initiale selbst bereichert den Akkord von goldenen, silbernen und 
mennigroten Tönen um einige weitere Farben (blau, grün, lila), wenn sie auch, wie in St. Gallen, noch 
weit entfernt bleibt von der farbigen Fülle der späteren Prachtwerke. 

Gemeinsam mit St. Gallen, doch in stärkerer Ausprägung, ist in diesen Werken sodann die vertikal 
tendierende Bildung des Initialkörpers. Hier werden besonders die I-Formen schmal und steil in die 
Höhe geführt, aber auch alle übrigen Initialen zeigen einen bedeutenden Hochtrieb.!) Durch die Bildung 
von Doppelinitialen, deren Buchstaben dicht aneinanderlehnen oder miteinander verwachsen — es tritt 
das vornehmlich in der Verbindung IN der Anfänge In illo tempore, In principio, Initium auf — wird zu 
dem Eindruck der Höhe der der Enge gefügt. In der Ada-Gruppe wird diese Enge noch dadurch 
gesteigert, daß bisweilen ein schmales und hohes Rahmenwerk, welches die beiden Schriftkolumnen 
bordiert, die Initiale in den Raum einer Kolumne sperrt und dort gleichsam einpresst. 

Verfolgt man die Weiterentwickelung an späteren Werken der gleichen Schule, von der Ada-Gruppe 
etwa im Evangeliar von Soissons oder dem Londoner Evangeliar (Harley 2788), von der Reimser-Gruppe 
am Ebon-Evangeliar oder am Evangeliar von Blois (Paris, Bibliotheque Nationale, Lat. 265), so sieht 
man den Stil in der gleichen Richtung fortschreiten, wie in St. Gallen: in der Richtung nach einer 
ruhigeren, ebenmäßigeren und bedeutenderen Gestaltung der Initialee Man vergleiche daraufhin die 
Liber-Generationis-Seite der Ada-Handschrift (Ada-Publikation, Tafel XI) mit der gleichen des Evangeliars 


1) Vgl. die Abb. des Godescalc-Evangelistars bei Bastard, pl. 81 —87, der Ada-Handschrift in der Publikation von Lamprecht 
u. a., des Dagulf-Psalters bei Chroust, 1. c., 1. Serie, Lieferung XI, Tafel IV, und in den Monumenta Pal@ographica Vindobonensia, 
Leipzig, 1910, Tafel XVII bis XXVI, des Reimser Evangeliars bei v. Arneth in der Denkschrift der k. k. Akademie der Wissen- 
schaften, Philosophisch-Historische Klasse, XIII (Wien, 1864), Tafel I bis II. 


34 


von Soissons (Bastard, pl. 100) oder des Londoner Evangeliars (Ada-Publikation, Tafel XXVIII).') In den 
späteren Werken haben sich die Initialen von dem engen Raum der schmalen Schriftsäule und den 
hemmenden Leisten befreit und sind aus der linken oberen Ecke größer und schwerer gegen die Mitte 
des Blattes gerückt. Nur noch die ganze Seite umgibt nun die Bordüre, und auch sie ist an Breite 
gewachsen. Durch Medaillons, welche die Buchstabenzüge an entscheidenden Stellen unterbrechen, 
sucht man dem vorher flüssig und ungehemmt dahinströmenden Riemen eine ruhige und kräftige 
Gliederung zu verleihen. 

Ähnliche Weiterbildungen haben sich in den späteren Reimser Werken vollzogen. Man halte zum 
Vergleiche die I- und @-Formen des Wiener Evangeliars an die gleichen des Ebon-Evangeliars.?) Die 
steilen I sind kürzer und breiter, die Riemen kräftiger geworden, und die aneinandergelehnten | und N 
stehen nun deutlich geschieden nebeneinander. Die Q-Form hat sich zu voller Rundung entwickelt, und 
das Ornament der Buchstabenöffnung, im Wiener Evangeliar vertikal gerichtet und gleichsam einen 
verzierten Durchmesser darstellend, legt sich im Ebon-Evangeliar nach der Breite auseinander. 

Mit der Neigung zu breiteren, ich möchte sagen irdischeren Bildungen, wird auch die ernste Palette 
der Frühzeit irdischer, das heißt bunter und blühender. Die Reimser Schule zeigt hier die erhöhte 
Farbenfreude der Zeit am deutlichsten an. So liegt in dem oben erwähnten & das goldene Riemenwerk 
der Buchstabenöffnung auf einer violetten Folie, die durch grüne Stellen noch belebt wird.°) 

Zu stärkster Ausprägung kommen alle diese Tendenzen in den Handschriften der Schulen von 
Tours und Metz, als deren hervorragendste Beispiele das Lothar-Evangeliar, die Vivians-Bibel und das 
Drogo-Sakramentar gelten.t) Die Ausdehnung der Initiale nach der Breite erreicht nun, besonders in 
Tours, ihr gerade noch zulässiges Maß, um nicht plump zu erscheinen. Man vergleiche das @ des 
Wiener Schatzkammer-Evangeliars mit einem @ des Lothar-Evangeliars,’) oder das D des Dagulf- 
Psalters mit dem großen D des Drogo-Sakramentars,°) um die ganze Strecke des durchlaufenen Weges 
zu überschauen. Bei dem Q des Lothar-Evangeliars fließt die Cauda nicht wie früher unter der Rundung 
asymmetrisch dahin, sondern sie legt sich an beiden Seiten des Kreises in streng symmetrischer Bildung 
wie zwei stützende Beine an. In dieser strengen Symmetrie erinnert sie an die Cauda des Folchart-Q 
(Tafel I). 

Die Kapitale als Initialform, in den vorher genannten Werken von der Unziale unterbrochen, wenn 
auch weit seltener als in den St. Galler Frühwerken, hat in diesen Handschriften die Alleinherrschaft 
angetreten. 

Aber das eigentlich Neue dieser Schulen liegt in ihrer reichen Verwendung vegetabilischer Motive. 
Die Vorstufen lassen sich in der Schule von Tours betrachten. Wie in den St. Galler Bibelhandschriften 
begegnen wir in den älteren Werken der Gruppe, etwa der Züricher Alkuin-Bibel‘) und noch in der 
Roriko-Bibel (Paris, Bibliotheque Nationale, Lat. 3)°), einer getrennten Verarbeitung von Blatt- und 
Riemenwerk. In dem F der Roriko-Bibel z. B. setzen sich an die Buchstabenbalken kleine wässerig-grüne, 
-blaue oder -lila Blättchen an (Abb. 21). Man vergleiche damit ein F der Vivians-Bibel (Bastard, pl. 156). 
Hier sind die kleinlichen Blattmotive verschwunden, das Vegetabilische tritt in der Form einer kräftigen 
Blattranke auf. Von einer Vereinigung des Riemenwerks mit dem Blattwerk, wie sie sich in St. Gallen 


1) Farbig bei Humphreys: The illuminated Books of the Middle Ages, London, 1847 ff., Tafel Ill. 

2) v. Arneth, I. c., Tafel I bis III. — Bastard, pl. 122. Die Initialen des Wiener Evangeliars bilden zweifelsohne die Vorstufe 
zu denen des Ebon-Evangeliars. 

3) Vgl. auch das N des Evangeliars von Blois. Bastard, pl. 129. 

+4) Zahlreiche Initialen des Drogo-Sakramentars erschienen kürzlich in The New Paleographical Society, 1910, pl. 185 f. 

6) v. Arneth, I. c., Tafel II und Bastard, pl. 143. 

6) Das Dagulf-D in den Monumenta Palzographica Vindobonensia, T. XXlil. Das Drogo-D, außer bei Bastard, pl. 112, in 
The New Paleographical Society, I. c., pl. 186, sodann bei Leitschuh: Geschichte der karolingischen Malerei, S. 175, und bei Venturi: 
Storia, Il, Fig. 218. 

‘) Abb. aus der Züricher Bibel in der zweiten (vermehrten) Auflage von Steffens: Lateinische Palleographie, Freiburg (Schweiz), 
1909; ein B in der Ada-Publikation, S. 72. 

8) Zur Datierung der Roriko-Bibel (zirka 825) vgl. Delisle, Le Cabinet des Manuscrits, III, 250 und pl. 25. Canonesbögen 
bei Bastard, pl. 202. 


35 


vollzog, kann man hier wie auch in der Metzer Schule nicht sprechen, da das Blattwerk, in der Form 
der klassischen Ranke, den Riemencharakter beinahe vernichtet hat. 

Wenn die mächtige Schule von Tours in ihren Spätwerken unter den Einfluß der Schule von 
Corbie geriet, so zeigt sie uns damit an, wo die neu auftauchenden Stiltendenzen zu suchen sind. In der 
Tat verkörpert sich der spätkarolingische Stil am reinsten in der Schule von Corbie, die nun mit ihren 
Prachtwerken auf den Plan tritt. In frühen Erzeugnissen steht sie noch auf den Schultern der oben 
genannten Schulen; erst seit dem Psalter Karls des Kahlen erreicht sie ihre besondere Ausbildung. Man 
vergleiche das Vere-Dignum des Sakramentars des Hrodradus vom Jahre 853 (Paris, Bibliotheque Nationale, 
Lat. 12,050) mit dem des Sakramentarfragments aus Metz (ebenda 1141)'). In dem älteren Werke bilden 
das U und das D eine übersichtliche Ligatur, und die ganze Ornamentik ist klar und einfach disponiert; 
in dem jüngeren ist ein kleines D in ein größeres V so hineingestellt worden, daß es von dem die 
Öffnung des V füllenden Rankenwerk ganz übersponnen wird und für 
das Auge nur schwer aus dieser Umklammerung zu lösen ist. So ent- 
fernt auch ein solches Werk in seinem äußeren Habitus von einem Buch- 
staben der St. Galler Sintram-Gruppe ist, in seinem Kunstwollen gleicht 
es ihm durchaus. Auch hier wird die klar verstandesmäßige Zerlegung 
des Bildganzen verhindert von einer wimmelnden Mannigfaltigkeit, die 
nur dem Auge zu einer Ordnung zusammenschmilzt. In der Bibel von 
St. Paolo fuori bei Rom verklammern sich häufig drei Initialen ineinander, 
sodaß der Leser dieses Vexierbild nur mit Mühe erraten kann.) 

Auch in Corbie werden die Teile, die sich in früheren Schulen 
deutlich voneinander abhoben, einander angenähert oder überhaupt nicht 
mehr geschieden. Die goldenen Konturriemen werden oft nur an ihrer 
Außenseite rot konturiert; nach innen zu sind sie nur durch das Orna- 
ment in der Mitte der Buchstabenzüge voneinander getrennt und schmelzen 
in der Farbe mit der goldenen Folie dieses Ornaments zusammen. In 
dem Evangeliar, fälschlich Karls des Kahlen genannt (Paris, Bibliotheque 
Nationale, Lat. 323), wächst eine Q-Initiale mit der sie umschließenden 
Blattbordüre an ihren Berührungspunkten zusammen, und das Ornament 
zwischen den Riemen der Buchstabenzüge ist von dem der Buchstaben- 
öffnung nicht zu trennen. Verließ man in St. Gallen die Polychromie 
wegen ihrer gliedernden Qualitäten, so blieb man ihr in Corbie treu, 
Abb. 21. Paris, Bibliothöque Nationale, Lat.3: Weil man es hier verstand, sie dem Stilwillen unterzuordnen. Die farbigen 

er Folien werden hier mit einer Fülle bunter Flecke belebt, die dem Nahblick 
sinnlos erscheinen und erst in einiger Entfernung ein ruhiges, malerisches Gesamtbild ergeben. Auch 
hier hat die Kapitale von ihrer Herrschaft wieder eingebüßt, besonders zu gunsten der insularen © -Form 
und der unzialen q-Form. 

Damit glaube ich erwiesen zu haben, daß die Initial-Entwickelung St. Gallens mit der allgemein 
karolingischen Kunstentwickelung im großen Ganzen übereinstimmt, und es bleibt mir noch übrig, das 
zeitliche Auftreten beider zu vergleichen. Zunächst haben die fortgeschrittenen fränkischen Zentren 
einen bedeutenden Vorsprung, denn sie entreißen sich dem merowingischen Stil bereits im letzten 
Viertel des VIII. Jahrhunderts, während das alemannische Provinzkloster nicht vor dem zweiten Viertel 
des IX. Jahrhunderts in den Kreis karolingischer Kunstübung eintritt. Bei der überaus regen Tätigkeit, 
die sich nun in St.Gallen unter Grimalt und Hartmut entfaltet, verringert sich die Distanz bald erheblich. 
Schon der Folchart-Psalter, der in Stilparallele zu den Prachtwerken der Schulen von Tours und Metz 
tritt — sie fallen etwa in die Mitte des IX. Jahrhunderts —, ist nur noch ein bis zwei Jahrzehnte von 
ihnen getrennt, Etwa den gleichen Abstand wahren die ersten Werke der Sintram-Gruppe (IX. Jahrhundert, 


!) Bastard, pl. 189 und 197. 
?) Abb. dieser Bibel bei Westwood: The Bible of the Monastery of St. Paul, Oxford and London, 1876. 


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4. Viertel) von den ersten vollgültigen Proben des Corbiestils (Psalter Karls des Kahlen vor 869, Kodex 
Aureus v. Emmeran 870). 

Ist aber — in dieser Form stelle ich nun die Frage nach den Beziehungen St. Gallens zu den 
übrigen karolingischen Schulen — über diese Stilgefolgschaft hinaus St. Gallen in Abhängigkeit von 
den karolingischen Zentren getreten? Diese Frage, die einzige, die man bisher nach dieser Richtung 
aufgeworfen, ist gewöhnlich ohne weiteres bejaht worden, ') und nur der jüngste Bearbeiter St. Gallens, 
Ad. Merton, hat sie ebenso entschieden verneint und die verwandtschaftlichen Beziehungen zu west- 
fränkischen Schulen (mit Ausnahme einiger Initialen des Goldenen Psalters) auf die « allgemeinsten 
Ähnlichkeiten stilisierter Pflanzenornamentik und die Bevorzugung von Gold und Silber zur Bemalung » 
beschränkt (l. c., S. 77). Eine sichere Entscheidung zu fällen, beantworte ich die Frage zunächst für jede 
Etappe der St. Galler Schule besonders. 

Die frühesten karolingischen Werke St. Gallens bewahren gegenüber denen der fränkischen Zentren 
durchaus ihre Sonderart. Auch die irischen Einflüsse, die in der merowingischen Initialenkunst St. Gallens 
eine so bedeutende Rolle spielen, beschränken sich nun auf ein sporadisches Vorkommen des Fischblasen- 
rads, der doppelten Spirale und des Hakenwerks (Fret-work). Damit ist freilich noch nicht die volle Selb- 
ständigkeit für jene Zeit erwiesen, denn es bleibt die Möglichkeit, daß eine fortgeschrittenere Provinzial- 
schule das fränkische Kunstgut St. Gallen bereits in veränderter Fassung übermittelt hat. Man wird 
hierbei vor allem an die benachbarte Reichenau denken, deren Bibliothek der St. Galler weit überlegen 
war,?) deren Großmaler der Abt Grimalt, selbst einst ein Schüler der Reichenau, zur Ausschmückung 
seiner Prälatur berief. Über Vermutungen kommt man jedoch nicht hinaus, weil das früheste als 
Reichenauisch verbürgte Initialwerk, das Sakramentar von Donaueschingen (Fürstliche Bibliothek, Nr. 191), 
späteren Datums ist als die ersten Träger der Wolfcoz-Gruppe.?) So ist auch der Gedanke nicht abzu- 
weisen, St. Gallen und die Reichenau seien im IX. Jahrhundert gemeinsame Wege gegangen ?) oder 
St. Gallen sei der gebende, die Reichenau der nehmende Teil gewesen. °) 

Mit dem Aufstieg der St. Galler Schule zur Höhe ihrer Prachtwerke ist der direkte Anschluß an 
die fränkischen Kunstzentren, besonders an Reims, Tours und Metz gewonnen. Von Reims entlehnt 
man die zweifarbige Kolorierung der Buchstabenöffnung,°) von Tours die ganze und halbe Palmette 
als Riemenabschluß und die größeren Blattansätze des Riemenwerks,?’) von Tours oder Metz die 
Riemendornen und die Gabelungsringe, diese in der im Goldenen Psalter (Rahn, Tafel I und Tafel IV, 
zweite Reihe rechts das B) und im Kodex 562 verwandten drei- bis fünflappigen Form von Metz.°) 
Im Goldenen Psalter sind die von Tours und Metz ausgehenden Einflüsse noch gewachsen. Das seiten- 
große q (Rahn, Tafel III) ist etwa der P-Initiale der Vivians-Bibel (Bastard, pl.161), das bei Rahn (Tafel IV 
oben) abgebildete D etwa einer D-Initiale des Drogo-Sakramentars (Bastard, pl. 138) nachempfunden. 


!) Vor allem von Janitschek, Trierer Ada-Handschriften, S. 106: «Stil und Technik der entwickelten karolingischen Kunst 
gewannen die Alleinherrschaft» und Leprieur bei Michel, Histoire de l’Art, }, S. 378: «La petite Ecole... m&le ä certaines 
harmonies de tons (violet et vert notamment) ou & certains rythmes d’ordonnance empruntes a Tours des apports d’el&ments venus 
de Metz, de Reims ou de Corbie. » 

2) Schon der erste Reichenauer Bücherkatalog vom Jahre 821 (Becker: Cat. ant., Nr. 6) enthält 415 Werke, also nur 13 weniger 
als der erste St. Galler Stiftskatalog (Becker, 1. c., Nr. 22), der erst Ende der siebziger Jahre geschlossen wurde. 

3) Das Sakramentar galt lange Zeit als St. Gallisch, bis A. Holder den ihm anhängenden Bücherkatalog Bl. 160 b bis 163 a 
als Reichenauisch (nach 842) bestimmte. Vgl. S. VIII des Vorberichts zum Katalog der Reichenauer Bestände der Karlsruher 
Hofbibliothek, Leipzig, 1906. Merton muß diese Feststellung entgangen sein, denn er möchte eine von Swarzenski erkannte 
Gruppe (Repertor. XXVI, S. 389 ff.), der er die Donaueschinger und zwei andere Handschriften anschließt, nach St. Alban in 
Mainz verlegen (l. c., S. 86), während Swarzenski bereits richtig nach der Reichenau wies. 

4) Swarzenski, I. c., S. 405. Bei Besprechung des von ihm der Reichenau gegebenen Münchener Kodex Cim. 14,345, 
Epistol& Pauli, konstatiert er, « daß sich die freie Kopie eines Bildes aus diesem Pauluszyklus von einer St. Gallischen Hand im 
Kodex 64, pl. 12, der Stiftsbibliothek in St. Gallen befindet» (S. 482). Das würde für einen Einfluß der Reichenau sprechen, 
doch ist die Ähnlichkeit eine ganz oberflächliche und zufällige. 

6) Merton, 1. c., S. 93. Merton ist zu gunsten St. Gallens etwas Reichenau-feindlich. 

6) Doch nur in der Form, daß man einige Knoten des Flechtwerks aus der übrigen Folie durch besondere Färbung hervorhebt. 

‘) Vgl. das Lothar-Evangeliar (Bastard, pl. 144). St. Gallen und Tours standen in Gebetsverbrüderung. 

8) Über sonstige Beziehungen St. Gallens zu Metz spricht P. v. Winterfeld in der Zeitschr. f. deutsch. Altert., Bd. 47, S. 334 f, 


37 


In den Werken, die dem Goldenen Psalter folgen, sind so wörtliche Nachahmungen völlig ver- 
schwunden. Jetzt sollte man Einflüsse von Corbie erwarten, aber dieser Schule gegenüber verhält sich 
die Sintram-Gruppe bei aller Verwandtschaft des Kunstwollens außerordentlich spröde. Höchstens 
könnte man die hier und da auftauchenden krautigen Blattformen von Corbie ableiten. 

Dagegen macht sich in jener Zeit ein Einfluß geltend, der freilich zumeist im Stadium einer bloßen 
Anregung verbleibt: ausgehend von den griechischen Initialen. Zwar waren diese Initialen an künst- 
lerischer Bedeutung den St. Galler unterlegen, wie sie denn überhaupt nur von geringer Ausdehnung 
sind, aber gerade diese Kleinheit bedeutete einen Reiz für St. Gallen, das damals, wie wir gesehen, 
neben dem üppig wuchernden das zierlich leichte Genre pflegte. Konkret festzustellen sind folgende 
Zusammenhänge. Die im Pariser Gregor von Nazianz (Bibliotheque Nationale, Grec 510—ca. 880) sich 
findende Idee, ein I in Form einer kleinen Säule zu bilden (Bl. 388) kehrt in den Handschriften der 
Sintram-Gruppe öfters wieder (Abb. 22).') Der in griechischen Handschriften gebräuchlichen Gestaltung 
des € in der Weise, daß ein Arm mit segnender Hand den Querbalken bildet — sie ist gleichfalls im 
Pariser Gregor von Nazianz zu belegen (Bl. 16b) ?) —, begegnen wir im Mühlhausener Evangeliar (Bl. 70a), 
nur mit der Umkehrung, daß sich hier der Arm nach dem Buchstaben- 


3 . Fr); :  -; dr; «fi 

BE ee ’ 

ir, Wr Wa innern streckt und die Hand die Biegung umklammert. Im Gregor von 
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Nazianz finden sich auch die goldenen Schlangen (z. B. Bl. 316b), die 
seit den späten Folchart-Initialen in St. Gallen im Schwange sind. Ich 
bilde schließlich zwei St. Galler I-Formen neben einem griechischen 1?) 


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lum Indomum fi 


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Abb. 22. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 54: 
Evangelistar, S. 110. 


und zwei O-Formen neben einem griechischen O ab (Abb. 23a-f); *) die 
Ähnlichkeiten sind unverkennbar. 

Bei der Pflege, welche die griechische Sprache in St. Gallen genoß’°), 
erklärt sich die Bekanntschaft mit griechischen Manuskripten ohne wei- 
teres. Zudem ist bereits vor dem Ende des IX. Jahrhunderts die Ver- 
trautheit mit griechischen Miniaturen zu belegen. Der frühe, noch dem 
Merowinger-Stile angehörende St. Galler Psalter der Züricher Stadt- 
bibliothek, C. 12 hat am Ende des 50. Psalms eine Miniatur: die Buße 
Davids vor Nathan, die an gleicher Stelle in byzantinischen Psaltern vor- 
kommt. ®) Das im IX. Jahrhundert in St. Gallen geschriebene griechische 
Evangeliar (Stiftsbibliothek Nr. 48) enthält hinter dem Text des Matthäus 
kurze Angaben in griechisch-lateinischer Sprache zur Illustrierung von 
Evangeliaren, welche auf griechischen Miniaturenhandschriften basieren.’) 


Als Ganzes betrachtet hat also die St. Galler Schule keineswegs die Selbständigkeit, die ihr Merton 
geben möchte. Nur in einem tieferen Sinne bleibt sie dennoch bestehen, und darnach ist auch die 
Meinung Janitschek’s und Leprieur’s zu korrigieren. St. Gallen wird von den fremden Einflüssen nicht 
hin- und hergeworfen, sondern in lückenloser Bewegung rollt es den Gang seiner Entwickelung ab und 
bedient sich des Fremden nur insoweit, als es den jeweiligen Stilprinzipien zu stärkerem Ausdruck 


1) St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 54, S. 110; Evangelium Longum, S. 233; Mühlhausener Evangeliar, Bl. 158. 
?2) Abb. bei Bordier, Description des peintures et d’autres ornements contenues dans les manuscrits grecs de la Bibliotheque 
Nationale, Paris, 1883, S. 63. 

3) Das griechische I ist zwar erst um die Wende zum XI. Jahrhundert gezeichnet, wird aber gewiß ähnlich schon früher 
zu finden sein. 

4) Das Abb. 23 d gegebene O hat ein noch genaueres Gegenstück zu einem griechischen Manuskript des XI. Jahrhunderts, 
das Amphilochi: Pal@ographische Beschreibung datierter griechischer Manuskripte des IX.—XXVIl. Jahrhunderts, Bd. II (Moskau, 
1880, Russisch), Tafel VIII, abbildet. 

5) Vgl. das in St. Gallen geschriebene griechische Evangeliar der Stiftsbibliothek Nr. 48 (Edition Rettig, Zürich 1836, und 
seinen Zwillingsbruder, den Dresdener Kodex Beernerianus, Edition Reichardt, Leipzig, 1909), dazu den oft zitierten Brief des 
Notker Balbulus, in dem die « fratres ellenici» erwähnt werden. 

6) Von Merton, |. c., S. 4, irrtümlich als « David kommt in das Haus Achimelech » gedeutet. 

’) Vgl. S. Berger: De la tradition de l’art grec dans les manuscrits des Evangiles in den M&moires de la Societe Nationale 
des Antiquaires de France, Tome 52, Paris, 1891, S. 144 ff. 


38 


verhilft. Darum konnte ich es auch unternehmen, den Gang der St. Galler Initialen-Schule zunächst 
einmal ganz absolut darzustellen, denn bei so klarem Bewußtsein des Kunstwollens ist die Frage nach 
den fremden Einflüssen nur noch sekundärer Natur. Wenn man von einigen Initialen des Goldenen 
Psalters absieht, spricht St. Gallen trotz aller Entlehnungen seine eigene Sprache, die sich von allen den 
einflußübenden Schulen deutlich unterscheidet. 

Ein Hauptbestandteil dieser Eigenart ist die flechtwerkartige Ausbildung des die Buchstabenöffnung 
erfüllenden Rankenriemens. Zu immer neuen Variationen wird er geknüpft, die in dieser geordneten Weise 
zu ersinnen mehr das Wesen eines verstandesmäßigen Schaffens als einer quellenden Phantasie ist. Dem 
spielenden Reichtum an vegetabilischen und animalischen Details, die besonders der französischen Schule 
von Tours ihre Grazie verleihen, bleibt sie fern; ihr Schatz an Motiven ist klein, aber deren Ausbildung 


von zwingender Logik. 
Die zeichnerische Be- 
gabung überwiegt die 
malerische, wie das ja 
auch ihre Bildminia- 
turen erkennen lassen. 
Nur für kurze Zeit wird 
ihre Palette blühend, 
aber auch dann erhebt 
sie sich nicht über eine 
undifferenzierte, wenn 


Abb. 23a. St. Gallen, 
Stiftsbibliothek : 
Evangelium Longum, S. 85. 


Abb. 23b. Mühlhausen, 


Industr. Gesellschaft: 
Evangelistar, Bl. Stb. 


Abb. 23c. Rom, Kod. Vaticanus. 
Graecus 1613: Monologium 
des Basilios II, S. 230. 


auch kräftige Poly- 

chromie. In dieser Be- 
schränkung hat es die 
St.Galler Schule gleich- 
wohl zu Meisterwerken 
gebracht, die dem Ver- 
gleich mit den übrigen 
Initialenschulen stand- 
halten. 

Kraft dieser Lebens- 
fülle hat sie auch ihrer- 


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Abb. 23d. Zürich, Stadtbibliothek C. 60: Abb. 23e. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 342: Abb. 231. 


Lektionar, Bl. 198a. 


Sakramentar, S. 568. 


Paris, Bibliotheque Nationale, Grec 277, Bl. 62a. 


seits Einflüsse ausüben können. Ihre Wirkung auf die kleineren Klöster der Umgebung ist heute nicht 
mehr nachzuprüfen; dagegen lassen sich Einflüsse St. Galler Initialen auf einige italienische Manuskripte 
des X. und XI. Jahrhunderts aus den Schreibschulen von Bobbio') und Monte Cassino ?) belegen. Mit 
Bobbio — einer Gründung Columbans und dadurch St. Gallen verwandt — stand unser Kloster seit 846 
in Gebetsverbrüderung; auf Monte Cassino hat, einer Vermutung Taeggi’s zufolge, der Besuch des Abtes 
Salomo anregend gewirkt, der das Benediktinerkloster auf seiner Italienreise berührt haben wird.°) 


!) Die aus Bobbio stammende Vita St. Galli (X. Jahrhundert, Turin, National-Bibliothek, F. IV, 24) ähnelt in ihren Initialen 
dem Evangelium Longum. Abb. daraus in den Mon. Pal. Sacra., Turin, 1899, Tafel XYII, und in den Codici Bobbiesi, Mailand, 
1907, Tafel 69. 

?) Monte Cassino, Klosterbibliothek Nr. 29/30, 44 und 272. Abb. in der Palzographia artistica di Monte Cassino. Latino, 
Montec., 1884, Tafel IX, XI und XII. Von Kodex 30 eine Abb. in der Bibliotheca Casinensis, Montec. 1874, Tafel XV. 


3) Palzographia artistica S. 13 gibt Taeggi folgende Unterscheidungsmerkmale an: Paragonando questi tibi tratti dai nostri 
codici 29, 30, 44, 272 con la lettera C dell’ Evangelium Longum [unsere Abb. 15b] si coglie questa differenza: nella lettera del 
sangallese Salomone l’ornato € colorito in parte e il fondo € bianco e le foglioline hanno un sol lobo; nelle nostre l’ornato & 
bianco e il fondo & colorito in giallo rosso e verde, e le foglioline sono a piü lobi. La sola lettera «E » € ricontornato di rosso 
in tutto l’orlo dell’ ornato. 


39 


Fruchtbringend wurde schließlich die karolingische Initialen-Schule St. Gallens für die ottonische 
Epoche. Wie weit sie auf die blühendste Schule dieser Zeit, die Reichenauer, gewirkt hat, das ist vorläufig 
nicht zu erweisen, da die karolingische Schule der Reichenau nicht genügend bekannt ist. Zweifellos 
steht die St. Galler Schule der Ottonenzeit auf den Schultern ihrer karolingischen Vorfahren. Als 
prospektives Element kommt auch hier an erster Stelle der geflochtene Rankenriemen in Betracht. 
Weitere Anregungen gibt die Polychromie der Prachtwerke, die einem neu erwachenden Prachtbedürfnis 
zum Muster dienen. Gerade der Folchart-Psalter wird jetzt mit Vorliebe zu Rate gezogen. Er hat die 
zweifarbige Streifung der Buchstabenfolien und er hat sie bereits einige Male, mit Ausschaltung des 
schweren Purpurs, in der weichen Zusammenstellung von grün und blau, welche die ottonische Epoche 
liebte. Auch die treppenförmigen größeren Unterlagen der Gotescalc-Gruppe sind bereits im Folchart- 
Psalter — im A von S. 186 — zu belegen.') 

Wenn die ottonische Kunst St. Gallens klar vor unseren Augen liegen wird, werden sich die Fäden, 
die sie mit der karolingischen Kunst verbindet, noch vermehren. Für diesen Nachweis des Zusammen- 
hanges aber ist keine Schule geeigneter, als die St. Galler, denn sie bietet eine fortlaufende Reihe vor- 
züglicher Erzeugnisse vom IX. bis zum XI. Jahrhundert dar. 


I) Als literarisches Gegenstück sei die Entlehnung der «imprecatio furis» des Folchart-Psalters von seiten des Hartker- 
Antiphonars (St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 390/91) erwähnt. 


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Tafel VI. Folchart-Psalter: Seite 11, Litaneibögen. 


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Tafel VII. Folchart-Psalter: Seite 12, Litaneibögen. 


V. DIE LITANEIBÖGEN DES FOLCHART- 
PSALTERS. 


enn ich die Arkaturen, welche die zweispaltig geschriebene Litanei des Folchart-Psalters in 
der Art von Kanonesbögen umrahmen, erst jetzt beschreibe, so geschieht es darum, weil 
ich den Zusammenhang meiner Untersuchungen über die St. Galler Initialenschule nicht 
unterbrechen wollte. Unabhängig von dieser Rücksicht hätte ich dieses Kapitel am besten an meine 
Ausführungen über die späten Initialen des Folchart-Psalters angeschlossen, denn mit ihnen haben sie 
die nächste Verwandtschaft. 

Wie in dem D von S. 304 (Abb. 13) oder dem M von S. 305, so ist auch in den Litaneibögen das 
Vegetabilische zuweilen zu krautigen Formen gediehen, z. B. in den großen, reichgezackten, mennig- 
gerippten Blättern, welche die mittlere Säule und die Zwickel der Arkaturen von S. 11 füllen (Tafel VI). 
In dem Gestrüpp dieser mittleren Säule tummeln sich allerlei Tiere und ringeln sich Schlangen, die in 
ihrer naturalistischen Bildung an die Vögel und Schlangen des späten Folchart-Stils erinnern. Schließlich 
ist der ganze phantastische Charakter dieser Bögen den letzten Initialen verwandt, die sich ja gleichfalls 
an Originalität zu überbieten suchen. Aus diesen Gründen setze ich die Entstehung der Litaneibögen 
zeitlich erst an den Schluß des Folchart-Psalters.. Ihre Stellung am Beginn des Psalters kann nicht 
dagegen sprechen, weil die Litanei eine besondere Lage (Binio) bildet. 

Mit germanischer Freude an der Variation, die wir bereits bei der Differenzierung der über 150 
Initialen walten sahen, ist jeder der 8 Seiten eine selbständige Ausgestaltung zu Teil geworden, ja selbst 
auf einer einzigen Seite ist noch die mittlere Säule in Basis, Schaft und Kapitell von den beiden äußeren 
unterschieden worden (a b a).!) Als germanisches Produkt ist auch die Willkür anzusehen, mit der man 
hier, aller Tektonik zum Hohne, die Architektur zu ornamentalen Spielereien gezwungen hat. Der Orient, 
bekanntlich das Ursprungsland solcher Arkaturen, bleibt hinter solchen Bildungen weit zurück. ?) 

Ohne jedes Detail zu berücksichtigen, gebe ich eine kurze Beschreibung. Auf geschwungener, 
zuweilen rot geschlitzter Plinthe ruht die hochgebildete Basıs. Sie ist trapez-, kelch- oder kugelförmig, 
zuweilen von tierischer Bildung (Raubtierfüße S. 11, Abb. Tafel VI, Raubtiervorderteile S. 13); einmal (S. 8) 
ist sie ein kleines abgetrepptes Häuschen. Ein Fußring leitet zu den hohen, ohne jede Schwellung ver- 
laufenden Schäften über. Analog den Initialen sind diese Schäfte meist riemenartig gebildet, in der Weise, 
daß sie in zwei parallele oder sich verflechtende Bänder aufgelöst werden, die von Riemenranken durch- 
flochten sind, oder es sind rankenumsponnene Säulen mit einem Blattstabe in der Front, den das 
Rankenwerk hier und da überschneidet (Tafel VI). Von Metz und Tours sind auch hierfür zahlreiche 
Anregungen ausgegangen.°) Die umschlingenden Ranken setzen sich zuweilen bis in das Kapitell fort 
(Abb. 25); einmal (S. 14) beginnen sie an den Basen und überziehen aufklimmend schließlich die 
krönenden Bögen. Zwischen Schaft und Kapitell liegt ähnlich dem Fußringe ein Halsring. 

Die Kapitelle sind in ihrer Bildung den Basen verwandt. Ihre Silhouette ist meist kelchförmig, 
seltener kugelförmig; einmal ist eine Rosette (S. 13), ein anderes Mal (S. 11) sind drei irische Spiralen 


!) In stark antikisierenden Handschriften (z. B. im Evangeliar des Aachener Münsters) ist die Abwechselung derartiger 
Architekturstücke weit geringer. 

2) Ebenso die klassisch orientierten karolingischen Schulen, wogegen die franko-sächsische Schule an Willkür der Bögen 
dem Folchart-Psalter nahekommt. 

°») Vgl. das oben erwähnte D des Drogo-Sakramentars (u. a. bei Bastard, pl. 112) oder das N des Lothar-Evangeliars 
(Bastard, pl. 144), dieses besonders mit S. 8 des Folchart-Psalters. 


41 


darauf gelegt (Tafel VI). Auf S. 11 bestehen die beiden äußeren Kapitelle in Löwenköpfen, zu denen 
noch die vorderen Pranken gefügt sind. Die Schäfte dieser Säulen sind vegetabilisch; erst in den Basen 
lebt das Löwenmotiv wieder auf; jetzt gibt man die fehlenden Hinterbeine. Wir haben es hier mit einem 
Einfluß altgermanischer Tierornamentik zu tun, bei der wir ja eine ähnliche Trennung der Gliedmassen 
unter Vernachlässigung des Rumpfes finden. Auf den Kapitellen liegen Deckplatten auf, wie die Plinthe 
von geschweifter Bildung, zuweilen mit Zahnschnitt versehen (Abb. 25). Einige Male hat man darauf 
noch Kämpfer gesetzt (Tafel VI und VII). Sie tragen hufeisenförmige Bögen, die innerhalb kon- 
turierender Riemen mit Zopfband, schrägem Blattwerk und dergleichen gefüllt sind. Die Zwickel 
werden gewöhnlich durch Stauden belebt. Die Färbung ist überall, wie bei den Initialen, von lebhafter 
Buntheit (Gold, Silber, Mennig, Blau, Grün). 

Immerhin scheint man sich der höheren Würde einer natürlicheren Architekturnachbildung bewußt 
geblieben zu sein, denn es ist wohl kein Zufall, daß wir auf derjenigen Seite, welcher die größte 
Bedeutung zukommt — sie trägt die Dedikationshandlung — auch die getreueste Architektur vorfinden 
(Tafel VII). Hier hat die mittlere Säule eine edle Kanellierung des Schaftes und ein prächtig gezeichnetes 
dreireihiges korinthisierendes Kapitell. Die Schäfte der äußeren Säulen sind von zwei alternierenden 
Quirlanden festlich umwunden. Für Basis und Kapitell wird eine Vereinigung von Kugeln und Blattwerk 
verwandt. !) 

Zu den zahlreichen Beziehungen, die sich zwischen der frühmittelalterlichen Handschriftenornamentik 
und der romanischen Baukunst ergeben, ?) liefern unsere Bögen einige interessante Belege. Die großen 
Rosettenschilde an romanischen Kapitellen (Humann, Fig. 12, nach einem Kapitell der Kathedrale von 
Vezelay) haben ihr Vorbild in einem Kapitell des Folchart-Psalters, S. 15. Das kauernde Männchen als 
Säulenstütze, für das Humann Belege aus Handschriften des X. bis XII. Jahrhunderts anführt (I. c., Fig. 47), 
ist bereits im Folchart-Psalter (Tafel VI) zu finden, freilich mehr vor als unter der Säule. In den Ranken 
dieser Säule lebt, wohl nach byzantinischen Mustern,°) allerlei Getier. Derartiger Säulenschmuck hat 
vielleicht anregend auf die romanischen « Bestiensäulen » gewirkt. Die Meinung Seesselbergs, es fänden 
sich in den mittelalterlichen Säulenbasen Anklänge an frühgermanische Krugformen,*) bestärken die 
Basen von S. 10 (Abb. 25). Hier sind sie bewußt zu Krügen umgestaltet, aus deren Öffnungen die 
Blattstäbe des Säulenschaftes sprießen. Schließlich ist ein Detail erwähnenswert. An den Basen und 
Kapitellen von S. 9 (Abb. 26) finden sich kleine Zäpfchen, die den romanischen Eckblättern verwandt 
sind. Sie sind hier gewiß keine Nachahmung wirklicher Architektur, °) sondern lediglich aus ornamentalen 
Gründen, zur Ausfüllung der Winkel, gezeichnet worden, aber sie mögen den Geschmack auf diese 
wichtige architektonische Neubildung vorbereitet haben. 

Der Raum zwischen den Säulen ist purpur grundiert und mit goldener und silberner Unziale 
beschrieben. In die sechzehn Lünetten sind zwölf Mal männliche Halbfiguren, vier Mal szenische 
Darstellungen gemalt worden. Die erste Halbfigur (Abb. 24) hat Rahn als Christus, Merton und 
von Oechelhäuser als Apostel gedeutet.) Gegen Rahn wurden das Fehlen des Kreuznimbus, das 
blaue Haar, das als weißes zu lesen ist, und der geteilte Bart geltend gemacht. Zudem sei Christus 
in dem Dedikationsbilde der Litaneibögen (Tafel VII) noch einmal, hier aber mit Kreuznimbus und 
bartlos dargestellt. Auch die Annahme von elf Aposteln habe etwas Gezwungenes. Das Stabkreuz in 

ı) Ähnliche Arkaturen in Gold, Silber und Mennig finden wir in den übrigen St. Galler Handschriften. 

?) Humann: Studien zur deutschen Kunstgeschichte, Heft 86. 

°) Z. B. Ravenna: Cathedra des Maximian. Molinier: Ivoires, pl. 7. — Vatikan Museo Sacro: Byzantinisches Triptychon; 
circa X. Jahrhundert. Abb. bei Kanzler: Gli Avori dei Musei profano e sacro della Biblioteca Vaticana. Rom, 1903, Teil Il, 
Tafel VIII. In der St. Galler Elfenbeinschule finden sich Tiere in Ranken außer in den Tutilo-Tafeln in dem Elfenbeindeckel des 
Berengar-Missales der Kathedrale von Monza. Abb. u. a. bei Venturi Storia II, Fig. 154. Das Motiv ist ursprünglich antik. 

#) Die frühmittelalterliche Kunst der germanischen Völker. Berlin, 1897, S. 22 ff. 

5) Doch finden sich in der karolingischen Krypta der St. Georgs-Kirche der unfernen Reichenau Kapitelle, die unterhalb 
ihrer Eckplatte vier kleine Eckknollen besitzen. Vgl. Humann: Zur Geschichte der karolingischen Baukunst, Fig. 6. Zur Datierung 
der Kirche, 1. c., S. 21. | 


6) Rahn, Psalterium Aureum, S. 22. — Merton, I. c., S. 34. — v. Oechelhäuser, Miniaturen der Universitäts-Bibliothek zu 
Heidelberg, I, S. 34 Anm. 


22 


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Abb. 24. Folchart-Psalter, S. 7. 


der Linken sei ein Attribut vieler Heiligen. Bei v. Oechelhäuser, der eine Anzahl Belege für Heilige mit 
Stabkreuz sammelt, figuriert unser Heiliger bald darauf als Petrus. Diese Benennung nun ist zweifelsohne 
falsch, denn von den übrigen elf Gestalten können wir die beiden auf S. 10 (Abb. 25) mit Sicherheit 
bestimmen. Der zur Linken des Beschauers ist durch Knebelbart und Tonsur als Petrus, der andere 
durch langen Bart und Stirnglatze als Paulus gekennzeichnet. Eher ließe sich an Johannes den Täufer 
denken,') womit nur das Rätsel der elf Apostel nicht gelöst ist. 

Läßt man dieses auf sich beruhen, so hat die Deutung Rahns sehr viel Ansprechendes, und ich 
habe mich nach längerem Zögern für sie entschieden.?) Das blaue Haar ist bei der damals herrschenden 
Gleichgültigkeit gegenüber genauen Farbenangaben nicht schwer zu nehmen, der geteilte Bart für 
Christus auch anderwärts zu belegen,?) und ebenso das Fehlen des Kreuznimbus und die Inkonsequenz 
der Darstellung in einem und demselben Werke.*) Für Christus spricht einmal sein Auftreten an erster 
Stelle und das um so mehr in einer Litanei, die ja gleichfalls mit seiner Anrufung beginnt; dann aber 
die Akklamations-Geste seines Gefährten zur Rechten. Die bis zur Brusthöhe erhobene, mit dem Hand- 
teller zum Beschauer gekehrte Rechte Christi ist von Merton als Geste der Adoration bestimmt worden, 
und gewiß ist sie als solche vielfach zu belegen. Daneben wird sie aber auch als Geste der Überraschung, 
des Staunens, des Beifalls, der Empfehlung, des Lehrens, des Einladens, Befehlens und Redens verwandt.°) 
Christus eignet am besten die Geste des Lehrens. Die übrigen Apostel — auch sie werden in der Litanei 
angerufen — sind nicht mit Sicherheit zu benennen. | 

Die Darstellung dieser Halbfiguren bleibt völlig im Typischen stecken und erreicht ihre Variationen 
durch rein äußere Mittel. So ist das Haupthaar bald kurz, bald lang, tonsuriert, gescheitelt, gelockt oder 
ungekämmt. Die Locken werden als Wülste in scharfer Trennung von einander abgesetzt (vgl. besonders 
Tafel VI links); es ist das eine schematische, im Mittelalter häufige Umbildung der durch welliges 
Haar hervorgerufenen Schatten. Der Bart ist bald rund, bald ausgezogen, bald ist das Kinn mit kleinen 
tropfenförmigen, auch hier scharf voneinander gesonderten Ringellöckchen bestanden. Die Farbe der 
Haare ist dunkelbraun, schwarz, lila oder hellblau. 


1) Vgl. Johannes den Täufer im Cosmas Indicopleustes, Bl. 76 (Rom, Vatic. Grzc. 699). Abb. in den Codices e Vaticanis 
selecti, Bd. X. Mailand, 1908. 

2) Als Christus will die Figur auch Pater J. Braun, S. J. (laut freundlicher Mitteilung) gedeutet wissen. 

®) Z. B. im thronenden Christus des Kodex Amiatinus. Garucci, Storia, Ill, Tafel 127. 

%) In dem aus Bobbio stammenden Psalter der Münchener Hofbibliothek, Lat. 343, kommt Christus Bl. 116b bärtig, 
Bl. 137 b bartlos vor, dieses Mal auch ohne Kreuznimbus. Vgl. auch v. Oechelhäuser, 1. c., S. 28. 

5) Wilpert: Die Malereien der Katakomben Roms, Freiburg i. B., 1903, S. 118. — Tikkanen: Die Psalterillustration im 
Mittelalter, Heft 3, S. 255. 


43 


Im übrigen sind die großen Köpfe von gleicher Bildung: Hohe Augenbrauen, große Augäpfel, 
kräftige Nasen mit abstehenden Flügeln und ein kleiner Mund. Die Gewandung besteht aus Hemd und 
Mantel. Das Hemd setzt sich gegen den Hals mit einer geschwungenen oder im Zickzack geführten Rand- 
linie ab. Die Zickzacklinie soll natürlich eine tiefe Falte des Gewandes darstellen, wie sie die spätrömische 
Kunst zuweilen an dieser Stelle verwandte,') und erhält daher auch eine entsprechende Schattierung des 
Gewandes. Zuweilen ist das Motiv, ähnlich den Haarwülsten, nahe daran, zur zeichnerischen Floskel zu 
erstarren (vgl. auch hier Tafel VI links). An den Mänteln zeigt sich zweimal etwas Schmuck. Auf S. 14 
besteht er in zu je Dreien geordneten Punkten, auf S. 7 ist die Borte des Apostels zur Rechten an einigen 
Stellen mit je zwei kurzen Querstreifen besetzt (Abb. 24). Derartige Querstreifen, bereits auf früh- 

EEE: mess; christlichen Gewändern zu finden, 
Ppob> Karo), Re | ® AU nat N erfreuen sich in karolingischer Zeit, 
8): Su A meist in noch reicherer Form, einer 
besonderen Beliebtheit.) 

Die großen Hände halten Bücher 
oder Schriftrollen oder sie machen 
Pr IIER eine (gewöhnlich die oben beschrie- 
CI 000! wen. Eu ‚ING 7 bene) Geste. Die Linke Christi hat 

AulLe:or. IR 4 versehentlich sechs Finger erhalten.?) 

Die Farbengebung verzichtet auf 
deckende Pigmente und geht übereine 
N 2 u leichte Tönung der braunen Feder- 
BASTLI OR, S/ANASTASIA-OR 94 zeichnung nur selten hiriaus. In den 
ÄCNES- OR 203 ausgesparten Pergamentton des In- 
karnats istnuran Augen, Nase, Mund, 
Kinn, Hals und Händen etwas Grün 
oder Rot verrieben. In den Gewän- 
dern werden die Schatten mit vio- 
letten, grünen und roten Federstrichen 
‚CoLumBAaNe.or.: oder leichten Pinselzügen angetuscht. 

5:C ALLER DR Zuweilen versucht man durch zwei- 
farbige Tönung das Changeant von 
SOTOARAET) = #152 Stoffen wiederzugeben. 
On-s: monachı 5-VIRCINES Es liegt auf der Hand, daß diese 
Pe E xpI.oRATEpN. TR 1. | s >| zwölf Heiligen nicht in St. Gallen 
ER. ie [> erfunden wurden. Die merkwürdige 
Rey Beeen a Stellung der beiden Apostelfürsten 
— nicht arı zweiter und dritter, sondern 
erst an fünfter und sechster Stelle — läßt an Vorbilder denken, in denen sie die Mitte eingenommen 
haben, etwa an Elfenbeinkästen. Beim Kopieren begann man dann von links nach rechts fortzuschreiten, 
sodaß die beiden ihrer hervorragenden Stellung verlustig gingen. Auf Grund der Behandlung des 
Inkarnats hat Waagen, wie stets in solchen Fällen, byzantinische Einflüsse vermutet; *) die mangelnde 
Beweiskraft dieses Indiziums hat bereits v. Oechelhäuser in anderem Zusammenhange ausführlich nach- 
gewiesen (l. c., S. 40f.). Merton hat an ältere italienische Werke gedacht. Jedenfalls ist die Verwendung 


4 07 


ANTONIOR: 


nıt 


MAchART OR: 


ARSENI-OR- 
hılLarron or AcATha: OR 


hrIERONIME-OR: L ucıa 


\ nlintmiIntin! 


CS. BENEDICTE-OR; 


GoLumsBa:or* 


285 nınınlnıını 


Abb. 25. Folchart-Psalter, S. 10. 


1) Vgl. z. B. das Boethius-Diptychon (487) und das des Areobindus (506). Abb. bei Molinier, Ivoires, S. 19 und pl. Ill. 

?) Vgl. J. Zemp: Das Kloster St. Johann zu Münster in Graubünden, I, Genf 1906, S. 30f., und Fig. 30. 

3) Kemmerich weist die gleiche Verzeichnung an einer Federzeichnung des St. Galler Kodex 28 nach (Frühmittelalterliche 
Porträtmalerei, München, 1907, Abb. 3). Doch ist jene Gestalt natürlich nicht der Schreiber Kipand, da sie in der Rechten ein 
Stabkreuz hält, sondern wohl eine Christusfigur. 


4) Deutsches Kunstblatt 1850, S. 91. 


44 


der Vorbilder in den Gepflogenheiten der St. Galler Miniaturenschule vor sich gegangen. Hier sind 
sowohl die farbige Technik wie auch die Haarwülste, die tropfenartigen Kinnlöckchen und der Zickzack- 
Kontur des Untergewandes vielfach zu belegen. ') 

Die vier szenischen Lünettenbilder sind an zwei Stellen zwischen die Halbfiguren eingestreut 
worden (S. 9 und 12). Auf S.9 (Abb. 26) ist zur Linken ein schreibender König, zur Rechten eine 
Gruppe teils schreibender, teils zuhörender Männer zu sehen. Der König ist ohne Zweifel David, die 
Männergruppe stellt ebenso gewiß seine Zuhörer und Psalmenschreiber dar und nicht etwa, wie oft zu 
lesen, eine Schreibschule. ?) 

Merton hat mit Recht zum Vergleiche eine sehr beschädigte Miniatur des Wolfcoz-Psalters (Kodex 20, 
S. 1) herangezogen. Hier sitzen vier 
Schreiber in zwei Reihen übereinander 
vor Bücherpulten. Gegen die Bestim- 
mung als Evangelisten spricht das 
Fehlen von Nimben und Symbolen, 
sowie ihr Vorkommen in einem Psalter. 
«Ohne Zweifel stellt das Bild die 
Schreiber des Psalters vor, denen 
gegenüber David auf einem beson- 
deren Blatt abgebildet war. Die Tat- 
sache, daß alle Schreiber nach der- 
selben Seite blicken, scheint das zur 
Genüge zu beweisen » (l. c., S. 6). 

Diese Annahme wird zur Gewiß- 
heit erhoben durch ein Indizium, das 
Merton entgangen ist. Auf der Rück- 
seite der Miniatur steht ein Bruch- 
stück, das mit den Worten: «feriebat 
cymbalum» beginnt und mit «Deinde 
quis alius» schließt. Der Katalog 
nennt es ganz unbestimmt ein Frag- 
ment über Psalmenmusik; in Wirklich- 
keit ist es ein Teil aus dem bekannten 
und in St.Gallen ganz üblichen Psalter- 
vorwort: Origo propheti& David regis 
psalmorum.°) Der fehlende Anfang 
beträgt genau eine Seite. Danach ent- 
hielt also das verlorene Blatt auf 
seiner Vorderseite den Beginn der Origo, auf seiner Rückseite das Davidbild. 

Die Origo beginnt mit den Worten: « David filius Jesse cum esset in regno suo, quattuor elegit, 
qui psalmos facerent, id est Asaph, Eman, Ethan et Idithun.» Aus diesem Texte leitet sich die Dar- 
stellung der vier Schreiber her, und der Folchart-Psalter gibt nur dasselbe Thema in einer Erweiterung. 

In lateinischen Psalterbildern des frühen Mittelalters wird die Tätigkeit Davids gewöhnlich nach 
der musikalischen und nur vereinzelt nach der literarischen Seite behandelt. Die mir bekannt gewordenen 


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Abb. 26. Folchart-Psalter, S. 9. 


I) Stiftsbibliothek, Nr. 876: Grammatische Schriften des Servius Donatus. Abb. bei Stettiner: Prudentius-Tafelwerk, Berlin, 
1905, Tafel 166. — Ebenda, Nr. 250: Aratus, z. B. S. 496 und 512. — Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Nr. 17, Evangeliar (Sintram- 
Gruppe): Dedikationsbild und Evangelistenblätter. — Verwandten Stils ist auch St. Gallen, Stiftsbibliothek, Nr. 86, obwohl 
sicherlich nicht St. Gallisch. 


?) Die Darstellung einer Schule findet sich im Berner Prudentius, Bl. 60 b. Stettiner, I. c., Tafel 159. 
3) Migne Patrol. 142,46. In St. Gallen kommt es noch im Kodex 27, 75, 110 und im Goldenen Psalter vor. 


45 


Beispiele dieser seltenen Darstellung führe ich zur ikonographischen Klärung des im Folchart-Psalter 
behandelten Themas im folgenden einzeln auf. Ich berücksichtige dabei auch die Elfenbeintafeln, die in 
ihrer Eigenschaft als Buchdeckel für die Illustrierung mittelalterlicher Bücher stets zu Rate gezogen 
werden müssen. 

l. London, British Museum Cott. Ms. Vespas. A. I. Psalter des hl. Augustin (Canterbury-Psalter). 
Frühes VIll. Jahrhundert. — Neben David, der die Rotte spielt, rechts und links je ein stehender Mann, 
der eine mit Rolle und Stilus, der andere mit Schreibtafel und Stilus, beide ohne zu schreiben.!) Darunter 
Musikanten und Tänzer. — Abb. u. a. bei G. F. Warner: Illuminated Manuscripts in the British Museum, |, 
London 1904. — Catalogue of ancient Manuscripts in the British Museum, Il, London, 1884, Tafel XV. 

2. Paris, Louvre, Katalog Molinier Nr. 9 und 10. Elfenbeinplatten zum Wiener Dagulf-Psalter. 
Nr. 9: David steht in Begleitung zweier Krieger links und diktiert vier rechts stehenden Schreibern, die 
ihre Schreibwerkzeuge halten, ohne zu schreiben. Zwischen beiden Gruppen ein hohes Tintenfaß. 
Abb. im Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen, Bd. 26, S. 47ff. Auch in den Monumenta Palzo- 
graphica Vindobonensia, I, S. 50. 

3. Paris, Louvre, Katalog Molinier Nr. 7 und 8. Zwei karolingische Elfenbeintafeln. Nr. 7: David 
sitzt, eine Schriftrolle haltend, zwischen zwei stehenden Kriegern. Unter ihm sitzen vier Schreiber, von 
denen zwei in Bücher, der dritte auf eine Rolle schreiben, der vierte eine Rolle hält. — Abb. Molinier: 
Ivoires, pl. 13. 

4. London, British Museum. Karolingische Elfenbeinplatte. — Links eine Gruppe von vier Schreibern, 
die um ein Pult sitzen, rechts sitzt David mit Schriftrolle in Begleitung vier stehender Krieger. Der 
Pariser Platte Nr. 7 eng verwandt. — Abb. im Catalogue of the Ivory Carvings of the Christian Era... 
of the British Museum, London, 1909, pl. 28. 

5. Rom, Bibel von San Paolo fuori (Corbie-Gruppe, IX. Jahrhundert zweite Hälfte). — Oben David, 
die Rotte spielend, ?) in Begleitung zweier Waffenträger. Darunter zwei sitzende, Bücher haltende Männer 
dos-a-dos. Der eine schreibt, der andere horcht. Diese zwei Schreiber sind von Asaph, Eman, Ethan 
und Idithun umgeben. Asaph hält in der Rechten eine Rolle, Eman in der Rechten ein Tintenfaß, in der 
Linken ein Buch, die beiden anderen musizieren. Ganz unten noch ein stehender Mann, der auf eine 
Tafel schreibt. — Abb. bei Westwood: The Bible of St. Paul, Tafel XXIII. Venturi: Storia, II, Fig. 235. 

6. München, Hof- und Staatsbibliothek, Lat. 343: Psalter aus Bobbio, X. Jahrhundert. — David 
spielt sitzend die Rotte. Unter ihm gruppieren sich in zwei Reihen die vier Schreiber: Asaph und Eman, 
Bücher in den Händen, horchen auf, die anderen schreiben. Abb. bei L. v. Kobell, Kunstvolle Miniaturen 
und Initialen, Il. Auflage, Tafel X. 

Auch in den hier genannten Psaltern geht die Darstellung auf die Origo zurück. Diese findet sich 
im Canterbury-, im Dagulf-Psalter und im Münchener Psalter aus Bobbio und ist in der Corbie-Schule 
im Psalter Karls des Kahlen (Paris, Bibliotheque Nationale, Lat. 1152) zu finden. 

Freilich in keiner dieser Darstellungen ist David, wie im Folchart-Psalter, selbst mit Schreiben 
beschäftigt. Dagegen ist dieses Motiv in griechischen Psaltern zu belegen.?) Hier hat also wohl eine 
Kombination lateinischer und griechischer Vorbilder stattgefunden, wie sie in St. Gallen eben nichts 
Verwunderliches hat. 

Auf eine detaillierte Beschreibung kann ich angesichts der Abbildungen verzichten und erwähne 
nur das Bemerkenswerte. David trägt schwarze Schuhe, die mit roten Knöpfen besetzt sind, grüne 
Strumpfhosen, kurzen blauen Leibrock mit roten Punkten und rotes Mäntelchen. Die Krone ist ein mit 
Kugeln besteckter Reif.*) Mit der Rechten schreibt er, die Linke hält einen Gegenstand, der nach 
Analogie mit mittelalterlichen Schreiberbildern ein Messer ist, dessen man sich zum Spitzen der Feder 


I) Das Motiv der stehenden Schreiber — Springer, Psalterillustration, S. 207, deutet sie fälschlich als Cymbalschläger — ist 
wohl von Diptychen inspiriert. Vgl. das Berliner Diptychon des Probianus (IV. Jahrhundert). Abb. u.a. bei Venturi Storia, I, Fig. 329. 

?) Und nicht schreibend, wie Janitschek, Ada-Publikation, S. 100, angibt. 

3) Die Beispiele bei Tikkanen, I. c., Heft II, S. 148. 

1) Im Psalterium Aureum kommt neben der Reifkrone bereits die Bügelkrone vor. 


46 


bediente.!) Das Sitzgestell ruht auf vier Stützen, zwischen und vor denen Blumen aufsprießen. Der 
Erdboden wird durch eine obere schematische Wellenlinie angedeutet. Der turmartige Aufbau im 
Rücken Davids trägt ein Tintenfaß mit drei Behältern. Die Männergruppe der rechten Lünette wird 
durch Kleidung und Barttracht differenziert. Die Mäntel sind grün, blau, rot oder braun. Zweimal sind 
sie mit blauen Bordüren eingefaßt, einmal dienen rote Kreise mit bezeichnetem Zentrum zum Schmucke. 

Die «Origo prophetie David regis» erwähnt bald nach der Wahl der Psalmendichter die Rück- 
führung der Bundeslade nach Jerusalem, die unter der Geleitschaft des Volkes vor sich ging (zweites 
Buch Samuel, Kap. VI, 1—5). Diese Szene verteilt sich auf die zwei Lünetten von S. 12 (Tafel VII). 
Im linken Felde empfängt David, von einer stehenden Männergruppe assistiert, aus der Hand eines 
Dieners die Rotte, im rechten ziehen zwei Ochsen den Wagen mit der Bundeslade.?) Die dem Gespann 
folgende Figur ist so gekleidet wie in dem Bilde der Psalmenschreiber der die Feder eintauchende Greis. 
Es ist also auch hier ein Mann dargestellt. Seiner Bewegung nach möchte man ihn für den die Bundes- 
lade umtanzenden David halten, aber das bartlose Gesicht und das Fehlen jedes Attributs verbieten 
diese Deutung. Es ist vielmehr der Führer des Wagens. (Die Bibel nennt Oza und Ahio.) Die Bewegung 
der Arme, deren linker zur Bundeslade, der rechte zur Nachbarlünette zeigen, soll wohl nur die Zusammen- 
gehörigkeit beider Lünetten zu einer szenischen Einheit dartun (Merton, |. c., S. 36). So macht auch in 
dem Bilde der Psalmenschreiber der Kopf des Greises eine entschiedene Wendung nach links zu David 
hin. Der König hat die gleichen Gewandstücke an wie im Schreiberbild, nur die Farben haben gewechselt. 
Der Mantel ist jetzt blau (vorher rot) und der Leibrock rot (vorher blau). Die Strumpfhosen sind rötlich- 
schwarz. Der kleiner gegebene Diener trägt ein grünes Gewand; die Männergruppe zur Linken trägt 
Rock und Mantel von gleicher Länge in grünen, blauen und roten Farben. Der Begleiter des Gespanns 
hat einen roten Mantel mit weißer Borte. Die Bundeslade ist golden mit blauem Dache, der goldene 
Aufsatz soll wohl nach der biblischen Erzählung den «Namen des Herrn der Heerscharen zwischen den 
Cherubin» wiedergeben. Das vordere Tier ist rot und lila, das hintere blau. Man denkt an das grüne 
Pferd des Goldenen Psalters. Jede Bodenandeutung fehlt. 

In koloristischer Hinsicht unterscheiden sich diese figürlichen Szenen von den männlichen Halb- 
figuren dadurch, daß die Farben gewöhnlich deckend sind und so leuchtend auftreten, wie bei den 
Initialen. Bei dem ständigen Farbenwechsel auf so kleinem Felde entsteht ein niedlicher, spielzeughafter 
Eindruck. Die Darstellung ist recht lebendig, aber kaum originell. Der kleinen stehenden Männergruppe 
zur Linken des Königs sieht man nach Tracht und Komposition ihre orientalische Herkunft an. Ähnlichen 
Gruppen begegnet man in syrischen Evangeliaren: ich nenne als Beispiel die Kommunion der Apostel 
zu Seiten einer Kanonestafel des Rabulas-Evangeliars (Venturi, Storia, I, Fig. 152). 

In die Zwickel der letztbesprochenen zwei Lünetten wurden an Stelle der Stauden drei Figuren 
eingefügt. Links steht ein bartloser, tonsurierter Mönch, der in demütiger Haltung mit beiden Händen 
ein Buch entgegenstreckt. Sein Pendant ist ein Mönch, der, wenn ich die Geste der Hände richtig deute, 
sich zum Empfange des Buches anschickt.?) Zwischen beiden die Halbfigur des segenspendenden 
Christus. Nach den schon erwähnten Versen, die Hartmut als den Auftraggeber, Folchart als den 
Verfertiger des Psalters nennen, kann die Deutung der Szene nicht zweifelhaft sein. Es ist die Dedi- 
kationshandlung. 

Beide Mönche tragen das gleiche Gewand. Das Uhnterkleid, das bis zu den schwarzen Schuhen 
und den Gelenken der Hände reicht, ist die Albe; das Oberkleid, das nur bis zum Knie geht und nur 
ein Stück des Oberarms bedeckt, ist das sogenannte Skapulier, auch cuculla genannt. An der Seite ist 
es bis zur Achsel aufgeschlitzt und wird hier mit einer Nadel geschlossen. Im Nacken hat es eine 
Kapuze, die bei Folchart heruntergeklappt, bei Hartmut über das Haupt gezogen ist.) Folchart trägt 


1) Hefner-Alteneck: Trachten des Mittelalters, I. Auflage, Tafel LXX und LXXXVIl. 

2) Vgl. die Darstellung im Goldenen Psalter, Rahn, Tafel XIll. 

3) Die gleiche Geste, hier zweifellos die empfangende, macht Erzbischof Gero im ottonischen Gero-Kodex (Darmstadt, 
Großherzogliche Bibliothek, Nr. 1948). Abb. bei Haseloff: Der Egbert-Psalter, Tafel LXII, Nr. 3. 

#) Die detaillierte Beschreibung dieses noch heute von Benediktinern getragenen Gewandes verdanke ich Pater J. Braun, S. J. 


41 


silberne Albe und goldenes Skapulier, Hartmut dagegen goldene Albe und silbernes Skapulier. Christus 
ist mit silberner Tunika und goldenem Mantel bekleidet. Sein Haar ist golden, sein Nimbus silbern mit 
goldenem Kreuz und Rande. Das Kissen (?), auf dem sein Leib aufruht, ist silbern mit rotem Mittel- 
streifen, das Blatt zur Ausfüllung des Winkels ist golden. Derartige Figuren, nur mit Gold und Silber 
gefärbt, sind gewiß aus der Schule von Tours geholt. 

Die Komposition, d. h. die Zerlegung einer einheitlichen Handlung in einzelne voneinander getrennte 
Teile, ist, wohl auf syrischen Vorbildern fußend, ') in fast allen karolingischen Schulen zu belegen. Sie 
wird gewöhnlich, wie hier, aus dekorativen Gründen vorgenommen und übt dann, da sich alles im 
kleinsten Formate abspielt, eine leichte graziöse Wirkung aus.?) In den vier szenischen Lünetten des 
Folchart-Psalters, in denen ja gleichfalls eine einzige Szene in zwei getrennten Feldern vorgetragen wird, 
tritt der dekorative Gesichtspunkt etwas zurück, und er fehlt ganz in jenem leider verstümmelten 
Doppelbilde des Wolfcoz-Psalters, das nicht einmal die Einheit der Seite wahrt, sondern die Handlung 
über zwei Blätter ausbreitet. Eine so weitgehende Bildtrennung findet sich, aus karolingischer Zeit, 
meines Wissens nur noch in einigen Miniaturen der Corbie-Schule. °) 

Bekanntlich ist in ottonischen Handschriften eine derartige Zerlegung der einheitlichen Handlung 
in zwei gesonderte Bildseiten gang und gäbe, und zwar stets ohne jeden Beiklang einer niedlichen 
Wirkung, vielmehr zu dern Zwecke, dem Thema dadurch eine größere Bedeutung zu verleihen. Gerade 
die Widmungsblätter üben nun diese Kompositionsweise, sei es, daß die vier Nationen dem Kaiser 
huldigend nahen,*) oder daß der Mönch sein Buch einer höheren Instanz überreicht.?) Ja diese Trennung 
wiederholt sich, wenn der Empfänger des Buches einem Höheren gegenüber wiederum als Geber 
erscheint. So ist im Egbert-Psalter von Cividale auf vier zu je zwei Seiten zusammengestellten Blättern 
geschildert: Bl. 16b: der Mönch Ruodpreht überreicht den Psalter. 

Bl. 17a: Erzbischof Egbert schickt sich an, ihn zu empfangen. 
Bl. 18b: Egbert überreicht den Psalter. 
Bl. 19a: der Apostel Petrus streckt die Hände zum Empfange aus. °) 

Diese Darstellungsweise, ich nenne sie die isolierende, steht im Gegensatz zu derjenigen, welche 
Wickhoff in seiner «Wiener Genesis » die kontinuierende genannt hat. Die kontinuierende Darstellung 
vereinigt zeitlich getrennte Handlungen; die isolierende trennt zeitlich geeinte Handlungen. Aber beide 
Darstellungsweisen haben auch etwas Gemeinsames, das es erklärt, warum sich das Mittelalter ihrer 
bedient hat. In beiden nämlich muß sich dem bloßen Schauen ein starker Zusatz geistiger Betätigung 
zugesellen, um zum Verständnis der Handlung zu gelangen. Bei der kontinuierenden Erzählungsweise 
muß, was das Äuge als einheitliches Bild erfaßt, der Intellekt in getrennte Handlungen zerlegen; bei der 
isolierenden muß, was das Auge als gesonderte Bilder sieht, der Intellekt zu einer einheitlichen Handlung 


ı) Vgl. z. B. die Verkündigung zu Seiten der Kanonesbögen im Rabulas-Evangeliar. Hier steht auf der linken Seite der 
Engel, auf der rechten Maria. Abb. außer bei Garrucci, Tafel 130 ff, noch bei Kraus, Geschichte der Christlichen Kunst, I, S. 464. 

2) Evangeliar von Soissons: In den Zwickeln u. a. die Verkündigung (Bastard, pl. 101. Ada-Publ., Tafel XXXII bis XXXIV). 
Im Ebon-Evangeliar zu beiden Seiten eines Kanonesgiebels eine Jagdszene (Bastard, pl. 121). Im Lothar-Evangeliar über einem 
der Kanonesbögen ein Centaur, der ein Tier jagt (Bastard, pl. 148). Im Drogo-Sakramentar ist in einem D die Steinigung des 
hl. Stephan so dargestellt, daß Stephan im Vertikalbalken kniet, die Peiniger in der Buchstabenöffnung stehen (Abb. u. a. bei 
Leitschuh: Geschichte der karolingischen Malerei, S. 225). 

3) Im Gebetbuch Karls des Kahlen (München, Königliche Schatzkammer) ist auf Bl. 38b Karl der Kahle knieend vor dem 
Bl. 39a dargestellten Kruzifixus gegeben. — Im Pariser Sakramentarfragment (Bibliotheque Nationale, Lat. 1141) beten Engel 
und Heilige (linkes Blatt) die Majestas Domini (rechtes Blatt) an. 

4) München, Hofbibliothek, Cim. 58. Abb. u. a. bei Janitschek: Geschichte der deutschen Malerei, zu S. 72. 

°) Aachener Münster, Liuthar-Evangeliar: Liuthar überreicht das Buch dem Kaiser. Abb. bei Beissel: Die Bilder der Hand- 
schrift des Kaisers Otto, Tafel II und III. — Paris, Bibliotheque Nationale, Lat. 10,514, Evangelistar der Abtei Poussay: Geistlicher 
überreicht das Buch Christus, Abb. bei Haseloff, Egbert-Psalter, Tafel LIN, Nr. 1 und 2. — Hildesheimer Dom, Evangeliar des 
hl. Bernward. Bernward weiht sein Geschenk Maria. Abb. bei Beissel: Des hl. Bernward Evangelien-Buch im Dom zu Hildesheim, 
Tafel IV und V. — Vgl. auch das Doppelblatt im Leipziger Psalter (X. Jahrhundert): David und drei Musikanten. Abb. bei R. Bruck: 
Die Malereien in den Handschriften des Königreichs Sachsen. Dresden, 1906, Abb. 24 und 25. 

#) Haseloff: Egbert-Psalter, Tafel I bis IV. 


48 


zusammenfügen. Der Form des Buches kam natürlich die isolierende Darstellung stärker entgegen als 
die kontinuierende, denn ihre Auflösung der Szene in eine fortschreitende Bilderfolge harmoniert mit 
dem progressiven Charakter des Buches. So hat denn in diesem, wie ja auch in vielen anderen Punkten, 
erst die ottonische Zeit eine spezifische Form der Buchillustration gefunden. 

Wir haben gesehen, wie St. Gallen die Vorstufen zu solcher Form darbot, in weiterer Ausbildung 
als die meisten anderen karolingischen Schulen. So führen, wie in der Initialenkunst, auch in der 
St. Galler Bildminiatur die Fäden von der karolingischen zur ottonischen Periode. 


49 


Verzeichnis der im Text 


erwähnten Handschriften. 


(Die eingeklammerten Zahlen bezeichnen, daß die Handschrift nur in den Anmerkungen genannt wird.) 


Aachen, Münster. Seite 
Karolingisches Evangeliar . . (41) 
Liuthar-Evangeliar . . (48) 

Aachen, Stadtbibliothek. 

Evangeliar des Dr. Wings . 15 ft. 

Bamberg, Königliche Bibliothek. 

A.1. 14: Psalterium (Salomo-Psalter) 27 

Basel, Stadtbibliothek. 

Liber S. Isidori de natura rerum (6) 

Bern, Stadtbibliothek. 

Nr. 264: Prudentius (18, 45) 

Cividale, Stadtbibliothek. 

Egbert- -Psalter I 48 

Darmstadt, Großherzogliche Bibliothek. 

Nr. 1948: Gero-Kodex . (47) 

Donaueschingen, Fürstliche Bibliothek, 

Nr. 191: Sakramentar . u x 37 

Durham, Cathedral Library. 

Ms. A. Il. 16: Evangeliar (6) 


Einsiedeln, Stiftsbibliothek. 
Nr. 17: Evangeliar . 


. 21, 23, 33, (45) 
Epernay, Stadtbibliothek. 


Nr. 1722: Ebon-Evangeliar . . 34f., (48) 
Florenz, Laurenziana. 

Kodex Amiatinus . . (43) 

Rabulas-Evangeliar. . . 47, (48) 
Göttweig, Stiftsbibliothek. 

Nr. 30: Karolingischer Psalter . (11) 
Hildesheim, Dom. 

Evangeliar des hl. Bernward . . (48) 
Leipzig, Universitätsbibliothek. 

Nr. 774: Psalterium . (48) 


London, British Museum. 


Cott. Ms. Vespas. A. l.: Canterbury-Psalter . 46 

Harley 2788: Evangeliar es Z4f. 
Montecassino, Klosterbibliothek. 

Nr. 29/30, 44, 272. . (39) 


Mühlhausen, Industrielle Gesellschaft: 
Erkanbold-Evangeliar . . 21f., 23ff., 33, 38 
München, Hof- und Staatsbibliotlıek. 


Cim. 55: Kodex Aureus von Emmeran . 37 
Cim. 58: Evangeliar aus Bamberg . . (48) 
Lat. 343: Psalter aus Bobbio . (43), 46 
Lat. 14,345: Epistole Pauli .....(37 
Lat. 22,311: Evangeliar . . 20f., 23, 33 


Gr&c.329: Evangelistardes Prinzen von Radziwill (8) 


Gr&c. 383: Evangelistar . (8) 
München, Königliche anne 

Gebetbuch Karls des Kahlen. . (48) 
Paris, Bibliotheque Nationale. 

Lat. 1: Viviansbibel . 35, 37 

Lat. 3: Rorikobibel 35 

Lat. 265: Evangeliar von Blois 34 


50 


Paris, Biblioth&que Nationale. Seite 
Lat. 266: Lothar-Evangeliar . 35, (37, 41, 48) 
Lat. 323: Sogenanntes EEE Karls des 


Kahlen . . . 36 
Lat. 1141: Sakramentarfragment . 36, (48) 
Lat. 1152: Psalter Karls des Kahlen 36 f., 46 
Lat. 8850: Evangeliar. 2. 34f., (48) 
Lat. 9428: Drogo-Sakramentar . 35, 37, (41, 48) 
Lat. 10,514: Evangelistar der Abtei Poussay . (48) 
Lat. 12,050: Sakramentar des Hrodradus 36 
Nouv. acq. Lat. 1203: Godescalc-Evangeliar . 34 
Grec 510: Gregor von Nazianz . 38 
Rom, Vatikanische Bibliothek. 
Grxc. 699: Cosmas Indicopleustes. (43) 
Grz&c. 1613: Menologium des Basilios Il. (8) 
Rom, St. Paolo fuori. 
Karolingische Bibel . 36, 46 


Sankt Gallen, Stiftsbibliothek. 
Nr. 20: Wolfcoz-Psalter . 
Nr. 22: Psalterium Aureum 
21, 23, 25ff., 33, 37 ff., (45 ff.) 
23: Folchart-Psalter . . 1-7, (11), 13—15, 
18— 20, 23—36, 38, 40—48 


(4), 10f., 14, 29f. 


Nr. 


Nr. 27: Psalterium . . (4), 10ff., 14, (30), 31, (45) 
Nr. 48: Griechisches Evangeliar . 2.38 
Nr. 50: Evangeliar. . . . 2. 2 222.2... 
Nr. 51? Irisches Evangeliar. (6) 
Nr. 53: Evangelium Longum 


20, 22f., 25, 27, 32f., (38 f.) 


Nr. 54: Evangelistar (Gundis-Kodex) 

15, 17f., 21, 23, 25, (38) 
Nr. 64: Epistole Pauli . (37) 
Nr. 75: Teile einer Bibel . (45) 
Nr. 77: Pentateuchus u.a... . 10f. 
Nr. 79: Paralipomena u.a. . . . 10f. 
Nr. 81: Proverbia u. a. .  10f, 29 
Nr. 82: Isaias u.a. nz 10 ff., (19), 29 
Nr. 83: Epistole Pauli u. a. 10f, 13, 29 
Nr. 86: Liber recognitionum 5. Clementis . (45) 
Nr. 250: Aratus . . (45) 
Nr. 267: Zweiter Stiftskatalog” 32 
Nr. 342, Seite 277—843: Sakramentar. 15f., 21 ff. 
Nr. 367: Evangelistar . 10 ff., 14, (16), 29f. 
Nr. 390/391: Hartker-Antiphonar ...(40) 
Nr. 562: Vitz S. Galli et S. Othmari 20ff., 32f., 37 
Nr. 728: Erster Stiftskatalog . 32 
Nr. 876: Grammatische Schriften des Servius 


Donatus 


Nr. 1281/1282: Stiftskatalog von Pius Kolb . 31 

Nr. 1408: Metzler’s Stiftschronik . 30 
Sankt Gallen, Stadtbibliothek ) 

Nr. 292: Psalterium . (16) 

Nr. 294: Evangeliar 15 ff. 


Sankt Petersburg, Kaiserliche Bibliothek. Seite | Zürich, Kantonsbibliothek. Seite 
Evangeliar aus Saint-Germain-des-Pres . . . (6) | C 1: Alkuinbibel 35 
Trier, Stadtbibliothek. | Nr. 34: Psalterium . 10 
Nr. 22: Ada-Handschrift. . . . 2. 2 202...34 Zürich, Stadtbibliothek. 
Turin, Nationalbibliothek. | C 12: Psalterium . . (4), 38 
FIV, 24: Vita S. Gall . . . 2 .2.2.202..(39) C 60: Lektionar. . 15, 17, 21 
Wien, Hofbibliothek. C 77: Lektionar. . 15, 17, 23 
Lat. 1815: Sakramentar . . . . .». 2 .2..(1) Zürich, Staatsarchiv. 
Lat. 1861: Dagulf-Psalterr . . . . ......34f., 46 1 Blatt aus einem Evangeliar 15, 17. 
Wien, Schatzkammer. 2 Blätter aus dem Einband des Manuskripts 
Evangelar . . 2 2 2 2 2 nn nn. 3Af. der Stadtbibliothek C 59 . (17) 
Wolfenbüttel, Herzogliche Bibliothek. 1 Blatt mit dem Bildnis Notkers . (17) 
Nr. 3095: Vitz S. Galli et S. Othmari. . 20ff., 33 | 1 Blatt aus einem ottonischen Missale . . (17) 
Verzeichnis der Tafeln und Textabbildungen. 
Tafeln. 
Tafel I. Folchart-Psalter: Psalm 51 Anfang. 
; ll. Folchart-Psalter: Psalm 101 Anfang. 
„ 1M. Folchart-Psalter: Seite 194. 
„IV. Folchart-Psalter: Seite 196, 80, 300, 262. 
Re V. Folchart-Psalter: Seite 322, 277, 230, 319. 
„. . Vl. Folchart-Psalter: Seite 11, Litaneibögen. 
„. Vll. Folchart-Psalter: Seite 12, Litaneibögen. 
Textabbildungen. Eee 
Abb. 1. Folchart-Psalter, S. 236: Zierseite zum 101. Psalm . . 5 
„ 2. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 367: Evangelistar, S. 98 . 11 
„ 3a. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 367; Evangelistar, S. 11. 12 
„ 3b. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 27: Psalterium, S. 21 . 12 
„4. Folchart-Psalter, 5.40. . . . 13 
„ 5. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 81: Proverbia: u.a, s. 92 ns 13 
„6. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 79: Paralipomena u. a., S. 169. 14 
„7. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 83: Epistole Pauli u. a., S. 91 14 
„ 8a. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 367: Evangelistar, S. 26. 15 
„8b. Folchart-Psalter, S. 100 . . . 15 
„9a. Zürich, Stadtbibliothek C 77: ektionaf: Bl. 8b ae 16 
„ 9b. St.Gallen, Stadtbibliothek Nr. 294: Evangeliar, Bl. 17b. 16 
„  9c. Aachen, Stadtbibliothek: Evangeliar des Dr. Wings . 16 
»„ 9d. St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 54: Evangelistar, S.4. 16 
»„  9e. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 50: Evangeliar, S. 26 . 16 
„ 10a. Aachen, Stadtbibliothek: Evangeliar des Dr. Wings. 17 
„ 0b. St.Gallen, Stadtbibliothek Nr. 294: Evangeliar, Bl. 18a. 17 
„ 10c. Zürich, Staatsarchiv: Evangeliarfragment . Er se 17 
„ 11.  Folchart-Psalter, S. 233 18 
„ 12. Folchart-Psalter, S. 311 18 
„ 13.  Folchart-Psalter, S. 304 19 
„. 14. Folchart-Psalter, S. 308 19 
„ 15a. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 562: Vitz S. Gall et S. Othmari, s 3. 21 
„ 15b. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 53: Evangelium Longum, S. 1] Ben 3 21 
„ 15c. Wolfenbüttel, Herzogliche Bibliothek, 17. 5. Aug. IV: Vitz S. Galli et S. Othmari, Bl. 18a 21 
„ 16a. St.Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 53: Evangelium Longum, 5.6 . . 22 
„ 16b. Wolfenbüttel, Herzogliche Bibliothek, 17. 5. Aug. IV: Vitz S. Galli et S. Othmari, Bl. 54b. 22 
„ 16c. Einsiedeln, Stiftsbibliothek Nr. 17: Evangeliar, S. 127 u er u 22 
„ 17a. München, Hof- und Staatsbibliothek Clim. 22,311: Evangeliar, Bl. 8a 23 
17b. Einsiedeln, Stiftsbibliothek Nr. 17: Evangeliar, S. 25. u 23 


Abb. 17c. 
18a. 
18b. 
18Sc. 
19a. 
19b. 
19c. 
19d. 


52 


20. 
21. 
22. 


23a. 
23b. 
23 c. 
23d. 
23 e. 


23 f. 
24. 
25. 
26. 


St. Gallen, Stiftsbibliothek: Psalterium Aureum, S. 302 . 
Zürich, Stadtbibliothek C 60: Lektionar, Bl. 229a 


"St. Gallen, Stiftsbibliothek: Evangelium Longum, S. 23. 


St. Gallen, Stiftsbibliothek: Evangelium Longum, S. 218 
Zürich, Stadtbibliothek C 60: Lektionar, Bl. 203 b 

Zürich, Stadtbibliothek C 60: Lektionar, Bl. 189b 

St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 54: Evangelistar, S. 130 . 

St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 342: Sakramentar, S. 596 
Folchart-Psalter: 1. Psalm . . 2 2 2 2 2 rn 2 e.. 
Paris, Biblioth&que Nationale, Lat. 3: Roriko-Bibel, Bl. 1b 
St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 54: Evangelistar, S. 110 . 

St. Gallen, Stiftsbibliotliek: Evangelium Longum, 5. 85. 
Mühlhausen, Industrielle Gesellschaft: Evangelistar, Bl. 84b. 


Rom, Kod. Vaticanus Grzc. 1613: Menologium des Basilios Il, S. 230 . 


Zürich, Stadtbibliothek C 60: Lektionar, Bl. 198a 

St. Gallen, Stiftsbibliothek Nr. 342: Sakramentar, S. 568 
Paris, Bibliotheque Nationale, Grec 277: Bl. 62a . 
Folchart-Psalter, S. 7: Litaneibögen . 
Folchart-Psalter, S. 10: Litaneibögen 

Folchart-Psalter, S. 9: Litaneibögen . 


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